Picasso und Pandemie: Jahresausblick im Museum Berggruen

Mit einer großen Picasso-Schau wollte Gabriel Montua, Kurator im Museum Berggruen, letztes Jahr Charlottenburg wieder auf die Kunstlandkarte holen – dann kam Corona. Im Interview verrät der Kunsthistoriker, wie das Museum das Pandemiejahr überstand und welche Pläne für 2021 bereits geschmiedet sind.

Interview: Sven Stienen

Wo steht das Museum Berggruen am Jahresbeginn 2021, wie sind Sie durch die Krise gekommen?
Gabriel Montua: Das Museum Berggruen steht gut da. Derzeit bereiten wir eine spektakuläre Picasso-Ausstellung vor, die ursprünglich im Juni 2020 eröffnen sollte und dann aufgrund der Pandemie zweimal verschoben werden musste. Wir hoffen, sie nun im Mai 2021 eröffnen zu können. Unsere letzte Ausstellung zu Paul Klee in Nordafrika haben wir derweil abgebaut und dafür eine Sammlungspräsentation zum Thema „Entspannen im Freien“ vorbereitet, die wir zeigen können, sobald die Museen wieder öffnen.

Was dürfen wir erwarten, wenn die Museen wieder öffnen?
Meine Erwartungen sind eher vorsichtig: Wir haben im letzten Jahr bei der ersten Wiedereröffnung der Museen gesehen, dass die Besuchszahlen unter dem Niveau von 2019 lagen. Viele Leute sind noch sehr vorsichtig und auch wenn die Regierung die Schutzmaßnahmen lockert, meiden sie weiterhin Kontakte, etwa im ÖPNV. Von daher gehe ich davon aus, dass unserer Zahlen noch eine Weile geringer sein werden als vor der Pandemie. Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach Kultur stark, der zweite Lockdown während des Winters war für viele härter als der erste. Es werden sicher auch viele Menschen begierig darauf warten, wieder Kulturangebote wahrnehmen zu können. Für dieses Publikum sind wir bereit – unsere Picasso-Ausstellung im Mai wird ein richtiger Kracher mit vielen sensationellen Leihgaben, ganz so wie vor der Pandemie.

Museum Berggruen im Stülerbau - der Westliche Kasernenbau gegenüber dem Charlottenburger Schloß © Jens Ziehe
Museum Berggruen im Stülerbau – der Westliche Kasernenbau gegenüber dem Charlottenburger Schloß © Jens Ziehe

Der Verbund der Nationalgalerie befindet sich im Umbruch. Es soll neue Direktionen für die einzelnen Sammlungsteile geben. Was erwarten Sie für das Museum Berggruen?
Unsere Erwartungen für das Museum Berggruen sind sehr positiv, die Neuerung in der Nationalgalerie sind gut. Unser zentraler Bezugspunkt war und ist die Neue Nationalgalerie und die Sammlung der Moderne, die dort gezeigt wird, doch wir möchten auch unser eigenes Profil stärken. Dabei unterstützt uns die Familie Berggruen stark, sie fördert die kommende Picasso-Schau und hat sogar hohe, regelmäßige Zuwendungen für mehr Programm angeboten. Die Verhandlungen laufen, grundsätzlich ist das in Zeiten, wo Geld für Kultur knapp ist, ein wahrer Segen für Berlin. Wir sind zuversichtlich und müssen jetzt schauen, wie es weitergeht.

Was wäre Ihre Priorität als Kurator des Museums Berggruen?
Die Häuser der Nationalgalerie gehören zusammen, aber ein Ziel des aktuellen Reformprozesses in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ist es, dass die einzelnen Häuser ihre Potentiale besser ausschöpfen können. Die bestehenden Hierarchien in der SPK wurden ja sowohl im Evaluationsgutachten des deutschen Wissenschaftsrats als auch in der Öffentlichkeit ausgiebig diskutiert. Meine Hoffnung ist, dass wir noch größere Autonomie über Ausstellungsplanung, Budgets etc. an die einzelnen Häuser bringen können. Aber das ist ein langfristiger Prozess der viel Abstimmung und Diskussion bedarf – man wird sehen, wohin die Reise geht.

Die Neue Nationalgalerie eröffnet in diesem Jahr, das Museum des 20. Jahrhunderts wird gebaut. Sehen Sie darin eine inhaltliche Konkurrenz für Ihr Haus?
Grundsätzlich sind die Verhältnisse klar: Die Neue Nationalgalerie ist das Hauptmuseum und das Museum Berggruen und die Sammlung Scharf-Gerstenberg sind Satelliten. Wir sind also keine Konkurrenten, sondern versuchen eher, uns gegenseitig zu ergänzen. Die Neue Nationalgalerie ist unglaublich breit aufgestellt und ermöglicht einen phantastischen Überblick über das 20. Jahrhundert. Aber ich glaube, auch wir haben unser Publikum für das, was wir bieten: Picasso, Matisse, Giacometti sind so gut wie gar nicht in der Neuen Nationalgalerie vertreten, selbst Klee gibt es im Berggruen viel mehr. Wenn man also diese Künstler sehen und intensiv erleben will, dann kommt man zu uns ins Museum Berggruen. Unsere älteste Picasso-Zeichnung entstand, als er 16 Jahre alt war, das jüngste Werk, das sich in unserer Sammlung befindet, fertigte er mit 91. Dazwischen können wir noch 130 weitere Arbeiten präsentieren – damit gehören wir weltweit zu den Top Ten der öffentlichen Picasso-Sammlungen! Wir zeigen also einen ganz bestimmten Aspekt der Moderne, mit einem spezifischen Paris-Bezug. Dieses Profil wollen wir weiterhin schärfen.

Sie sind jetzt seit 2018 der Sammlungskurator des Museums Berggruen. Welche neuen Akzente konnten Sie seither setzen?
Als ich anfing haben wir zuerst einen eigenen Instagram-Kanal für das Museum Berggruen eingerichtet. Zudem endete bei uns gerade ein großes Provenienzforschungsprojekt zur Sammlung, dessen Ergebnisse ich in der Ausstellung „Biografien der Bilder“ kuratorisch mit umgesetzt habe. . Danach kam die schon länger von Joachim Jäger, dem Leiter der Neuen Nationalgalerie, geplante Ausstellung „Pablo Picasso x Thomas Scheibitz.“. Ich habe auch mehrmals die Dauerpräsentation geändert und dabei für Klee ein neues Konzept erarbeitet. Wir konnten im Erdgeschoss zwei kleinere Präsentationen zu Klee zeigen. Aber mein erstes eigenes Großprojekt am Haus konnte immer noch nicht stattfinden und eröffnet jetzt hoffentlich im Mai: Die Ausstellung „Picasso & Les Femmes d’Alger“. Sie wird neben Gemälden und Arbeiten auf Papier aus der berühmten „Femmes d’Alger“-Serie auch Werke präsentieren, welche Picasso inspirierten oder wiederum von ihm inspiriert wurden. Wir greifen da sehr weit aus und wollen zeigen, was für ein Potential im Museum Berggruen steckt. Wir wollen auch den Standort Charlottenburg wieder ins Gedächtnis rufen: Zu West-Berliner Zeiten war es eine absolute Top-Lage, nun hat sich alles mehr in die Stadtmitte, in Richtung Kulturforum und Museumsinsel, verlagert. Die große Ausstellung sollte ursprünglich ein Test sein, wie attraktiv dieser Standort für ein Kunstpublikum sein kann. Pandemiebedingt erwarten wir jetzt natürlich keine Besucherzahlen, aus denen sich wirkliche Schlüsse ableiten lassen.

Das historische Gebäude des Museum Berggruen steht vor der Sanierung. Hermann Parzinger, der Präsident der SPK, hat angekündigt, dass die dort gezeigte Sammlung auf Reisen durch die Welt gehen soll. Wie konkret sind diese Pläne?
Ja, es wird eine Tournee geben – wir werden mit der Sammlung an andere große, internationale Museen gehen! Derzeit laufen vielversprechende Verhandlungen mit Museen in Japan und China. Wir suchen nach einer Route, welche für Werke und Umwelt möglichst schonend ist und gleichzeitig unsere Sammlung einem internationalen Publikum vorstellt – eine tolle Werbung für Berlin und alle seine Museen! Stiftungspräsident Hermann Parzinger hat ja in Bezug auf die Schließung der Neuen Nationalgalerie bedauert, dass die Sammlung während der gesamten Sanierung kaum präsent war. Diesmal wollen wir es auf jeden Fall machen.

2021 verspricht ein ereignisreiches Jahr für das Museum Berggruen zu werden – worauf freuen Sie sich am meisten?
Auf jeden Fall auf Picasso und die Femmes d‘Alger! Es ist momentan eine ganz schöne Zitterpartie, aber wenn alles gut läuft, können wir im Mai eröffnen – wenn die Gesundheitslage es erlaubt vielleicht sogar mit einer kleinen Feier im Bettina Berggruen Garten hinter unserem Museum. Es wäre doch schön, wenn wir nach dieser langen und anstrengenden Zwangspause mal wieder gemeinsam mit Freunden Kunst genießen könnten.

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