Pop on Paper im Kulturforum: Eine knallige Ausstellung

Die Pop-Art-Sammlung des Kupferstichkabinetts zählt zu den bedeutendsten in Europa. Jetzt werden die Highlights erstmals in Gänze am Kulturforum präsentiert, denn die Ausstellung gehört zu den ersten, die nach dem Corona-Lockdown wieder öffnen. Ein bunter Trip zwischen Werbung und Konsumkritik.

Text: Karolin Korthase

Richard Hamilton beschrieb 1957 die Pop Art als „populär, kurzlebig, entbehrlich, billig, in Massenproduktion hergestellt, jung, witzig, sexy, marktschreierisch, glamourös, big business“. Ein Jahr zuvor hatte der britische Künstler eine Collage geschaffen, die heute als Ur-Kunstwerk dieser Stilrichtung gilt. „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“, lautet der sperrige Titel, zu Deutsch: „Was macht heutige Wohnungen nur so anders, so anziehend?“. Auf nur 24 mal 26 Zentimetern inszeniert Hamilton ein piefiges 1950er-Jahre-Wohnzimmerambiente mit Bodybuilder und Pin-up-Girl, Fertiggericht, Fernseher und Jukebox und legte damit den Grundstein für die späteren Sujets der Pop Art.

Auf der anderen Seite des Atlantiks erreichten die Babyboomer-Jahre ihren Höhepunkt. Die US-Wirtschaft brummte und die Middle Class frönte der Lust an Konsum und Körper, angekurbelt durch gigantische Werbekampagnen. Künstler wie Robert Rauschenberg reagierten auf die Bilderflut, indem sie das Banale und Alltägliche in Form von Glühbirnen, Tapetenresten, Comics zum Teil ihrer Kunst machten – eine künstlerische Provokation, das das Establishment entsetzte und das Ende des abstrakten Expressionismus einläutete. Zum Dreh- und Angelpunkt der neu entstehenden Kunstrichtung wird die Galerie von Leo Castelli in New York. Andreas Schalhorn, Kurator der Ausstellung „Pop on Paper. Von Warhol bis Lichtenstein“ im Kupferstichkabinett, erzählt: „Leo Castelli war ein wichtiger Multiplikator, der den Kunstmarkt durch seine genialen Marketingstrategien aufwirbelte.“

Andy Warhol, Marilyn, 1967, Farbsiebdruck aus dem 10-teiligen Portfolio, © 2020 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders
Andy Warhol, Marilyn, 1967, Farbsiebdruck aus dem 10-teiligen Portfolio, © 2020 The Andy
Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York, Staatliche
Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders

Die Künstler haben sich künstlich beschränkt

Bei Castelli gaben sich Ende der 1950er-Jahre Vorreiter wie Robert Rauschenberg und Jasper Johns, ab Beginn der 1960er-Jahre auch Pop Art-Superstars wie Roy Lichtenstein und Andy Warhol die Klinke in die Hand. Um seine Ausstellungen zu bewerben, ließ der findige Galerist Künstler-Plakate drucken, die limitiert als exklusive Einladungskarten nach Europa verschickt wurden.
In der Ausstellung sind einige dieser Einladungsplakate ausgestellt, die sich heute im Bestand der Kunstbibliothek befinden. Gefertigt wurden sie, ebenso wie viele weitere Pop-Art-Kunstwerke, mit Hilfe der Siebdrucktechnik. Wie groß die Bedeutung dieses Druckverfahrens für die Entstehung und Entwicklung des Genres war, kann gar nicht überbetont werden, wie Fabienne Meyer, Restauratorin im Kupferstichkabinett, sagt: „Fotografien konnten beliebig vervielfältigt und unterschiedliche Materialien wie Kunststoff, Keramik und Papier bedruckt werden.“ Ohne den Farbsiebdruck gäbe es weder die berühmte „Marilyn“-Serie von Warhol noch die Comicbilder Lichtensteins. Trotz aller Anleihen bei der Werbebranche, sowohl in technischer als auch in inhaltlicher Hinsicht, achteten die Künstler jedoch auf limitierte Auflagen: „Es war zwar möglich, unbegrenzte Auflagen zu drucken, aber die Künstler haben sie künstlich beschränkt, indem sie die Drucke nummerierten und die Siebe nach dem Druck zerstörten. Damit versuchte man den künstlerischen Wert zu betonen und sich von der Werbegrafik abzuheben“, erklärt Meyer.

In zehn Kapiteln nähert sich „Pop on Paper“ Themen der Pop Art sowie einzelnen Künstler*innen. Das Augenmerk liegt dabei auf den US-amerikanischen Ursprüngen und den Essentials der Kunstrichtung. „Das hat mit der Sammlungsgeschichte des Kupferstichkabinetts unter Alexander Dückers, dem Direktor von 1984 bis 2002, zu tun“, erklärt Andreas Schalhorn. Die Werkliste der Ausstellung, die rund 100 Arbeiten umfasst, liest sich wie das Who is Who der Pop Art. Die schon erwähnten Künstler Jasper Jones, Robert Rauschenberg, Andy Warhol und Roy Lichtenstein sind ebenso vertreten wie Robert Indiana, Mel Ramos, Tom Wesselmann oder James Rosenquist. Neben US-amerikanischen Positionen werden aber einige europäische Parallelentwicklungen und Reflexionen vor und nach 1965 thematisiert, so etwa bei Richard Hamilton, Sigmar Polke, KP Brehmer, Ulrike Ottinger, Maria Lassnig, Sturtevant und Equipo Crónica. Ein zeitgenössisches Echo des Pop-Styles findet sich in Arbeiten von Antje Dorn und SUSI POP. „Wir wollen eine knallige Ausstellung, in der unsere Besucher ganz und gar in das starke Energiefeld der Exponate eintauchen können“, so Andreas Schalhorn.

Roy Lichtenstein, Crying Girl, Plakat für die Leo Castelli Gallery, New York, 1963, Offsetlithographie auf Papier, Sammlung Hans + Uschi Welle, © Estate of Roy Lichtenstein / VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders
Roy Lichtenstein, Crying Girl, Plakat für die Leo Castelli Gallery, New York, 1963,
Offsetlithographie auf Papier, Sammlung Hans + Uschi Welle, © Estate of Roy Lichtenstein / VG
Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P.
Anders

Ein Atompilz und der Jagdbomber F-111

Zu den Highlights der Schau gehört das vierteilige Monumentalwerk „F-111“ von James Rosenquist (1964/65). Es wird im Kulturforum in der Grafik-Variante zu sehen sein, die der Künstler Mitte der Siebziger auf Grundlage des Originalgemäldes erstellte. Darin verknüpft Rosenquist, der vor seiner Künstlerkarriere als Plakatmaler tätig war, auf eindrückliche Weise verschiedene Motive aus Werbeanzeigen des „Life Magazine“ mit militärischen Symbolen der US-Luftwaffe. Ein Atompilz und der Jagdbomber F-111, der ab 1967 im Vietnamkrieg zum Einsatz kam, werden mit Konsumgütern wie Autoreifen, Spaghetti, einer Trockenhaube, Glühbirnen und einem Sonnenschirm collagiert. Produziert wurden die Güter von einigen wenigen Mega-Firmen, wie Dow Chemical, General Electric oder Firestone, die nicht nur das gesellschaftliche, sondern auch das militärische Leben bestimmten.

Andreas Schalhorn und Fabienne Meyer bei den Vorbereitungen zu "Pop on Paper" im Kupferstichkabinett. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Andreas Schalhorn und Fabienne Meyer bei den Vorbereitungen zu “Pop on Paper” im Kupferstichkabinett. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Ein Highlight von „Pop on Paper“ in formaler Hinsicht sind zwei sogenannte „Paperdresses“, die das Kunstgewerbemuseum als Leihgaben zur Verfügung stellt. Ursprünglich als Werbegimmick einer Marketingkampagne für Wegwerfservietten und Küchenrollen konzipiert, entwickelten sich die Kleider Mitte der 1960er-Jahre in den USA schnell zu einem Bestseller. Innerhalb von nur acht Monaten wurden 500.000 Stück verkauft. Da sich der billige Zellulosestoff einfach und kostengünstig mit Grafik und Prints bedrucken ließ, waren die Kleider im Weiterverkauf billig und somit auch für junge, wenig kaufkräftige Konsumentinnen erschwinglich. Wie groß der Einfluss der Pop Art auf den Mainstream schon damals war, zeigen einige Motive dieser Paper Dresses.

Schöne Nackte auf Zigarettenschachtel

So ließen die Universal Filmstudios 1968 in Anlehnung an Warhols Hollywoodstar- Porträts Kleider mit den Gesichtern bekannter Filmstars bedrucken. Ein Jahr zuvor gab die Campbell Soup Company ein „Souper Dress“ heraus, das sich explizit auf Warhols Werk „32 Campbell’s Soup Cans“ (1962) bezieht. Wer zwei Gemüsesuppenetiketten und einen Dollar an das Unternehmen schickte, bekam das Kleid per Post zugesandt. Die Kunst wurde so zur Ware, ebenso wie die Ware von den Künstlern vorab zur Kunst stilisiert wurde. Für beide Seiten – die Kunstwelt wie die Industrie – war diese Melange eine Win-Win-Situation.

Mel Ramos, Tobacco Rose, 1965, Siebdruck in vier Farben, aus „11 Pop Artists II“, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Volker-H. Schneider
Mel Ramos, Tobacco Rose, 1965, Siebdruck in vier Farben, aus „11 Pop Artists II“, © VG
Bild-Kunst, Bonn 2020 / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Volker-H. Schneider

„It takes art to make a company great“, wusste schon in den 1960er Jahren George Weissman, der CEO des Philip-Morris- Tabakkonzerns, der zu den maßgeblichen Förderern von „11 Pop Artists – The New Image“, einem Mappenwerk mit insgesamt 33 Werken in drei unterschiedlichen Formaten gehörte. Dieses wurde ab 1966 weltweit gezeigt und hatte einen wichtigen Anteil an der Erfolgsgeschichte der Pop Art. Auf einem der Siebdrucke ist eine nackte Schöne von Mel Ramos zu sehen, die lasziv auf einer Zigarettenschachtel von Philip Morris sitzt. Eine bessere Werbung konnte sich der Konzern damals nicht wünschen. Bei aller Nähe zur Werbeindustrie lässt sich die amerikanische Pop Art jedoch nicht darauf reduzieren. „Man kann nicht sagen, dass die Pop Art der Werbung nur bejahend gegenübersteht“, sagt Andreas Schalhorn. „Sie entlarvt vielmehr die Mechanismen von Werbung und Konsumkultur, indem sie diese vergrößert und offensiv für ihre eigenen Zwecke nutzt.“

Die Ausstellung “Pop on Paper” läuft noch bis zum 16.8.2020 in der oberen Sonderausstellungshalle im Kulturforum. Es gelten die besonderen Corona-Schutzmaßnahmen.

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