TULPOMANIE – Eine Blume hält die Welt in Atem

Die Tulpe ist eines der Wahrzeichen Hollands und seit Jahrhunderten fester Bestandteil der europäischen Gartenkultur. Im Rahmen der Reihe „Weitwinkel – Globale Sammlungsperspektiven“ wird beleuchtet, warum dies jedoch nur die halbe Wahrheit ist.

Text: Maria Schaller mit Beiträgen von Katja Kleinert (Gemäldegalerie), Claudia Kanowski (Kunstgewerbemuseum) und Stefan Weber (Museum für Islamische Kunst)

In Gärten, Parks und an Wegesrändern leuchteten Tulpen in den vergangenen Wochen wieder in allen erdenklichen Farben und Formen. In den Niederlanden – auch bekannt als „größter Blumenladen der Welt“ – werden die bunten Frühblüher heutzutage als Massenware gezüchtet. Einst jedoch bedingten sie als kostbare Handels- und Spekulationsobjekte den ersten Börsenkrach der Geschichte. Objekte aus den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin zeugen von einer Begeisterung für Tulpen, die nicht allein auf Holland beschränkt war, sondern durch die näher betrachteten, künstlerischen Artefakte als transkulturelles Phänomen greifbar wird.

Jan Brueghel d. Ä., Berliner Blumenstrauß, 1619/20, Öl auf Eichenholz, 64,1 x 59,9 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Ident.Nr. 688A © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Foto: Jörg P. Anders
Jan Brueghel d. Ä., Berliner Blumenstrauß, 1619/20, Öl auf Eichenholz, 64,1 x 59,9 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Ident.Nr. 688A © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Foto: Jörg P. Anders

Ein kaum bezahlbares Arrangement

Im „Berliner Blumenstrauß“ (Abb.1), den Jan Brueghel d. Ä. um 1619/20 fertigte, sind weiße und gelb-rot geflammte Tulpen in einem üppigen Arrangement mit Traubenkirschen, Narzissen, Maiglöckchen, Blaustern und vielen weiteren Blüten vereint. Nicht weniger als 50 verschiedene Pflanzenarten hat der Antwerpener Maler mit dem Beinamen „Blumen-Brueghel“ in seinem Gemälde dargestellt.

„Das Motiv des Blumenstraußes war erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts als selbstständiges Bildthema anerkannt worden“, erklärt Katja Kleinert, Kuratorin für niederländische und flämische Kunst des 17. Jahrhunderts in der Gemäldegalerie. Da die Blumenzucht zu diesem Zeitpunkt noch ganz am Beginn stand, stellten Blumensträuße eine große Besonderheit dar. Sowohl reale als auch gemalte Sträuße wurden als kostbare Rarität angesehen. Zudem war der Aufwand, Werke wie den „Berliner Blumenstrauß“ herzustellen, aufgrund ihrer langen Entstehungsdauer und der naturgetreuen Wiedergabe sehr hoch. Brueghel d. Ä. beispielsweise fertigte zu diesem Zweck eigens in den Gärten des Erzherzogpaars in Brüssel Zeichnungen und Skizzen seltener Blumen an – darunter auch ausgewählte Sorten von Tulpen. Seiner eigenen Beschreibung nach, begann er einen Blumenstrauß im Frühling und beendete ihn erst mehrere Monate später.

Der „Berliner Blumenstrauß“ hätte in dieser Form tatsächlich gar nicht existieren können, da sich neben den Frühblühern auch Sommerblumen in ihm finden. Weiterhin macht die Zusammenstellung der Tulpen als botanische Kostbarkeiten mit den vielen seltenen Gartenblumen den Strauß zu einem kaum bezahlbaren Arrangement. Brueghel fertigte sein Gemälde in einer Zeit, in der in Holland ein regelrechtes Tulpenfieber ausbrach. Horrende Summen wurden an der Amsterdamer Börse gezahlt. Eine Tulpenzwiebel konnte bis zu 5200 Gulden kosten – das Jahreseinkommen eines Handwerkers betrug demgegenüber nur 300 Gulden! 1637 sollte der Tulpenwahn zum ersten dokumentierten Börsenkrach der Wirtschaftsgeschichte führen.

Kleine Tulpenvase in Pagodenform aus Delft, hergestellt in der Fayencemanufaktur „De Grieksche A“, Pieter Adriaensz Kocks, um 1680/90, Fayence mit Inglasurmalerei, Höhe: 22,5 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum, Inv. 1928,74 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Foto: Catalina Heroven
Kleine Tulpenvase in Pagodenform aus Delft, hergestellt in der Fayencemanufaktur „De Grieksche A“, Pieter Adriaensz Kocks, um 1680/90, Fayence mit Inglasurmalerei, Höhe: 22,5 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum, Inv. 1928,74 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Foto: Catalina Heroven

Von China nach Delft

In der neu eingerichteten Fayence- und Porzellanabteilung des Kunstgewerbemuseums am Kulturforum wird ein weiteres Objekt ausgestellt, das zwar erst viele Jahre nach dem Platzen der Spekulationsblase von 1637 entstand, jedoch ebenfalls nur im Kontext der Tulpomanie in den Niederlanden zu verstehen ist, wie Claudia Kanowski, Kuratorin für Keramik im Kunstgewerbemuseum, weiß: Es handelt sich um eine sogenannte „Tulpenvase“ (Abb. 2).

„Mehrteilige Tulpenvasen können eine Gesamthöhe von bis zu 120 cm besitzen“, erklärt Kanowski. „Einzelne besonders schöne Tulpen wurden in den Tüllen des Gefäßes arrangiert, es gibt aber auch kleinere, einteilige Modelle, wie das Beispiel aus dem Kunstgewerbemuseum zeigt.“ Die kleine Tulpenvase in Pagodenform ist in Blau auf weißem Grund mit stilisierten Streublumen und Ornamenten bemalt. Der herzförmige Korpus ist mit plastischen, echsenähnlichen Fantasietieren verziert und wird durch einen obeliskenartigen Aufsatz bekrönt. Die Vase wurde um 1680/1690 in einer der renommiertesten holländischen Fayencemanufakturen gefertigt: „De Grieksche A“ in Delft.

Holland ist das Ursprungsland der „Tulpenvasen“, deren Blütezeit zwischen 1680 und 1720 lag. Zur Entstehungszeit nannte man diese Vasenform allerdings nicht „Tulpenvase“, sondern „piramide“ oder „pagode“, denn ihre Form erinnert an die der chinesischen Pagoden mit ihrer Folge gleichförmiger, sich nach oben hin verjüngender Stockwerke. In Europa wurden diese Bauwerke durch illustrierte Reiseberichte bekannt, wie Johan Nieuhofs Publikation „Die Gesandtschaft der Ost=Indischen Gesellschaft […]“, die seit 1665 in mehreren Auflagen erschienen war.

Weltweiter Kulturaustausch

Mit ihren Dekoren ahmt die „Tulpenvase“ aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums überdies chinesisches Porzellan nach. Dass sie in Delft gefertigt wurde, ist kein Zufall. Denn Delft war Sitz der 1602 gegründeten Handelsgesellschaft „Verenigde Oost-Indische Compagnie“ (VOC). Die holländischen Handelsschiffe brachten aus Fernost Blau-Weiß-Porzellan, aber auch Tee und Seide in bislang noch nicht dagewesenen Mengen nach Europa. Dennoch überstieg die Nachfrage das Angebot. So siedelten sich direkt in Delft viele Keramiker an, die das ostasiatische Porzellan nachahmten und neuinterpretierten.

Im 17. Jahrhundert konnte man in Europa noch kein eigenes Porzellan herstellen, das „arcanum“, das Geheimnis um die Zusammensetzung des Porzellans, sollte erst 1708 in Meißen gelüftet werden. Hingegen war man bestens mit der Fayencetechnik vertraut. So wurde Delft zu einem Zentrum der Produktion blau-weißer Fayence, bei der es sich um eine zinnglasierte Keramik handelt. Für ihre Produktion nutzten die Delfter Keramiker leerstehende Bierbrauereien wie „De Grieksche A“ (Das griechische A) und behielten deren Namen bei.

Die kleine Tulpenvase in Pagodenform stellt ein Zeugnis der intensiven Handelsbeziehungen mit China dar und kann zugleich die Komplexität von transkulturellen Austauschprozessen in der Frühen Neuzeit verdeutlichen. So hatte die Technik der Fayence ihren Ursprung im Orient und wurde vermittelt durch maurische Werkstätten in Spanien bekannt. Über den spanischen Umschlagplatz Mallorca fand sie zur Zeit der Renaissance in Italien Verbreitung (Majoliken), während sie im Barock von Faenza aus nach Nordeuropa gelangte (Fayencen).

Die Tulpe selbst, zu deren Zurschaustellung in Holland die Vasenform der „piramide“ oder „pagode“ entwickelt werden sollte, war hingegen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts über das Osmanische Reich nach Europa gelangt; wilde Tulpen sind im Nahen Osten heimisch. Während vor allem in Holland in der Folgezeit vornehmlich Tulpen in gedrungenen Formen und gestreiften Farben gezüchtet wurden, waren in der Türkei schlanke, spitzblättrige und einfarbige Tulpen bevorzugt.

Fragment (Sternfliese) aus Konya, 13. Jh., Quarzfritte, transparente türkisfarbene Glasur, blaue, rote und schwarze Überglasurbemalung sowie Goldbemalung, Höhe: 8,5 x Breite: 11,2, x Tiefe: 1,5 cm, Staatlichen Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst, Ident.Nr. I. 346 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Foto: Johannes Kramer
Fragment (Sternfliese) aus Konya, 13. Jh., Quarzfritte, transparente türkisfarbene Glasur, blaue, rote und schwarze Überglasurbemalung sowie Goldbemalung, Höhe: 8,5 x Breite: 11,2, x Tiefe: 1,5 cm, Staatlichen Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst, Ident.Nr. I. 346 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Foto: Johannes Kramer

Tulpenliebe in Holz

Der Name der Tulpe leitet sich vermutlich vom persischen Wort für den ähnlich geformten Turban (dulband) ab. „Lale“, wie die Tulpe im Türkischen auch genannt wird, war die Lieblingsblume des Sultans Süleyman I. (reg. 1520–1566). Ein Hofchronist berichtet, wie dieser eine Jagd bei Beykoz, südwestlich von Istanbul, im Jahre 1523 mit Tulpengeschenken ganz außerhalb ihrer Saison feiern ließ. Auf Festen wurden mitunter auch überdimensionierte Papiertulpen umhergeführt. Eine wahrzeichenartige Riesentulpe ist aber auch bereits auf einer seldschukischen Fliese aus Konya (13. Jahrhundert) dargestellt (Abb. 3).

Die diesjährige Tulpenblüte ist gerade vorbei, doch im prächtigen Aleppo-Zimmer können die Frühblüher ganzjährig bestaunt werden, wie Stefan Weber, der Direktor des Museums für Islamische Kunst, versichert. Das Zimmer, eines der Highlights im Museum für Islamische Kunst, entstand vor 420 Jahren. Damals hat der Aleppiner Kaufman Isa ibn Butrus den Frühling dauerhaft auf seine hölzerne Wandvertäfelung fixieren lassen – just in der letzten Woche wurden die Restaurierungsarbeiten an einer Darstellung der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, die ein Tulpengewand trägt, erfolgreich abgeschlossen (Abb. 4 und 5).

Holzvertäfelung des Aleppo-Zimmers mit der Darstellung Mariens im Tulpengewand, 1600–1603, bemalte und vergoldete Zedern-, Nussbaum- und Buchsbaumhölzer, Höhe: 2,95 x Breite: 7,45 x Länge: 10,98 m (bei T-förmiger Aufstellung), Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst, Ident.Nr. I. 2862 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Foto: Anke Scharrahs
Holzvertäfelung des Aleppo-Zimmers mit der Darstellung Mariens im Tulpengewand, 1600–1603, bemalte und vergoldete Zedern-, Nussbaum- und Buchsbaumhölzer, Höhe: 2,95 x Breite: 7,45 x Länge: 10,98 m (bei T-förmiger Aufstellung), Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst, Ident.Nr. I. 2862 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Foto: Anke Scharrahs
Einblick in die Restaurierungsarbeiten des Aleppo-Zimmers © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Elisabeth Korinth
Einblick in die Restaurierungsarbeiten des Aleppo-Zimmers © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Elisabeth Korinth

Tulpenfieber weltweit

Das Tulpenfieber hatte sich damit nicht nur von Istanbul nach Holland ausgebreitet, sondern auch in die arabische Welt, wo es in Damaskus, Aleppo oder Sidon noch zwei Jahrhunderte grassierte. In der Regierungszeit des Sultans Ahmed III. (reg. 1703–30), die auch als „Tulpenzeit“ („Lale devri“) bekannt ist, wurden Gartentulpen schließlich auch aus Holland reimportiert.
Die frühneuzeitliche Tulpenleidenschaft offenbart sich damit als transkulturelles Phänomen. Der rege Tausch und Handel mit den begehrten Zwiebeln ging mit einer künstlerischen Produktion einher, in der sich die Kontinente übergreifende Begeisterung für diese Frühblüher auf verschiedenste Weise abbildet.

Tulpen werden auch in vielen weiteren Objekten im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin thematisiert, so z.B. in den zahlreichen Zeichnungen Georg Flegels im Kupferstichkabinett (Abb. 6). Eine Fotografie mit dem Titel „Tulipa ansiana“ aus der Sammlung der Kunstbibliothek (Abb. 7) stammt aus dem Mappenwerk „La flora sanremese fotografata“, das Pietro Guidi gemeinsam mit dem Apotheker und Botaniker Francesco Panizzi (1817–1893) veröffentlichte. Schließlich werden im Museum Europäischer Kulturen drei filigrane Haarnadeln aufbewahrt, die ebenfalls mit Tulpenblüten verziert sind (Abb. 8). In den wiedereröffneten Häusern und in der Online-Datenbank der Sammlungen – SMB-digital – gilt es, noch einige mehr zu entdecken.

Georg Flegel, Zwei Tulpen, um 1630, Aquarell und Deckfarben auf Papier, 22,3 x 17,3 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Ident.Nr. KdZ 7586 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Foto: Jörg P. Anders
Georg Flegel, Zwei Tulpen, um 1630, Aquarell und Deckfarben auf Papier, 22,3 x 17,3 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Ident.Nr. KdZ 7586 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Foto: Jörg P. Anders
Pietro Guidi, Tulipa ansiana, um 1870, Albuminpapier, Bildmaß: 26,5 x 20,4 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek | Sammlung Fotografie, Ident.Nr. 1879, 0039/04 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
Pietro Guidi, Tulipa ansiana, um 1870, Albuminpapier, Bildmaß: 26,5 x 20,4 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek | Sammlung Fotografie, Ident.Nr. 1879, 0039/04 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
Haarnadeln aus Bayern, 19. Jh., freies Silberfiligran, Länge: 10 x Durchmesser: 1,7 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen, Ident.Nr. A (30 K 14) 34/1915 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Foto: Stefan Büchner
Haarnadeln aus Bayern, 19. Jh., freies Silberfiligran, Länge: 10 x Durchmesser: 1,7 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen, Ident.Nr. A (30 K 14) 34/1915 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Foto: Stefan Büchner

„Weitwinkel – Globale Sammlungsperspektiven“ ist eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe, die sich in Anlehnung an aktuelle Ausstellungen, Forschungsprojekte und Kooperationen der Staatlichen Museen zu Berlin mit transkulturellen Themen und gesellschaftsrelevanten Fragestellungen beschäftigt. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite zu Weitwinkel.

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