Ungeahnte Möglichkeiten. Der Forschungscampus Dahlem kommt

Seit das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst ihre Pforten in Dahlem geschlossen haben, um ins Humboldt Forum zu ziehen, stellt sich der Museumsstandort neu auf. Alexis von Poser und Patricia Rahemipour gehören zu den Lenkern des Forschungscampus Dahlem.

Text von Timo Weißberg

Spaziert man vom U-Bahnhof Dahlem-Dorf über die Iltisstraße, steht man bald an der Lansstraße, vor dem ehemaligen Eingangsgebäude des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Der imposante Bau im Stil der neuen Sachlichkeit liegt, umgeben von Instituten der Freien Universität, mitten im beschaulichen Villenviertel Dahlem im Südwesten Berlins. Vor dem mit Glas verkleideten Eingang erstreckt sich eine von stattlichen Platanen bestandene Wiese. Genau hier soll einmal der FC Dahlem aufspielen. Die Abkürzung „FC“ steht jedoch nicht für den örtlichen Fußballclub – sondern für das, was hier gerade am Entstehen ist: den Forschungscampus Dahlem, dessen architektonisches Zentrum der eindrucksvolle Bau einmal bilden soll. Noch wirkt hier alles, nicht zuletzt auch coronabedingt, recht ruhig. Doch im Hintergrund laufen sich die Macher*innen bereits warm. Ideen werden entwickelt, es herrscht Aufbruchsstimmung.

Intensive Diskussionen in der Lenkungsgruppe

Unweit der Lansstraße sitzen an einem Spätsommertag Alexis von Poser und Patricia Rahemipour im Garten des Instituts für Museumsforschung, das Teil der Staatlichen Museen zu Berlin ist, die wiederum zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehören. Von Poser und Rahemipour kamen beide etwa zeitgleich im Herbst 2019 zu Europas größtem Museumsverbund: sie als Direktorin eben jenes traditionsreichen Instituts; er als stellvertretender Direktor des Ethnologischen Museums sowie des Museums für Asiatische Kunst. Beide sind Sprecher*innen der sogenannten „Lenkungsgruppe FC Dahlem“, einem Gremium, in dem sämtliche am Forschungscampus beteiligte Institutionen mit ihren Leitungen vertreten sind. Mit dabei sind neben dem Ethnologischen Museum, dem Museum für Asiatische Kunst und dem Institut für Museumsforschung außerdem das Museum Europäischer Kulturen, Rathgen-Forschungslabor und die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin sowie das Iberoamerikanische Institut, ebenfalls eine Einrichtung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

In regelmäßigen Abständen trifft sich die Gruppe zum inhaltlichen Austausch. „Wir alle sind natürlich sehr von unserem Tagesgeschäft besetzt“, sagt Patricia Rahemipour. „Alle Mitglieder haben ja anspruchsvolle Funktionen. Der Forschungscampus kommt da gewissermaßen noch obendrauf.“ Im Gespräch merkt man den beiden an, mit welchem Enthusiasmus sie an die Sache herangehen. Begeistert erzählen sie von einer zweitägigen Klausurtagung in Berlin-Schmöckwitz Anfang Februar, auf der sich die Gruppe aus Wissenschaftler*innen ganz unterschiedlicher Disziplinen zunächst über die grundlegende Ausrichtung des Forschungscampus verständigt hat. Zu den in Schmöckwitz erarbeiteten Ergebnissen zählt unter anderem die Definition von vier zentralen Begriffen: Kulturen Forschen, Dinge und Wissen.

Neubau des Museums für Völkerkunde (heute Ethnologisches Museum), 1972 © Staatliche Museen zu Berlin / Ethnologisches Museum
Neubau des Museums für Völkerkunde (heute Ethnologisches Museum), 1972 © Staatliche Museen zu Berlin / Ethnologisches Museum

Kulturen, Forschen, Dinge, Wissen

Alexis von Poser erläutert die Ideen, die sich dahinter verbergen: „Das Begriffspaar ‚Kulturen – Forschen‘ bedeutet nicht nur, dass wir Kulturen erforschen, sondern ebenso, dass Kulturen zu uns kommen und die hier vorhandenen Sammlungen beforschen.“ Für das Ethnologische Museum gehört die gemeinsame Forschung mit Expert*innen aus den Herkunftsregionen an den eigenen Sammlungsbeständen seit Jahrzehnten zum Arbeitsalltag. Von Poser erklärt weiter: „Die Gegenüberstellung ‚Dinge – Wissen‘, meint zum einen, dass wir Wissen über Dinge erlangen oder generieren wollen, zum anderen aber auch, dass Dinge in sich selbst Wissen tragen.“ Auch andere Verbindungen seien möglich, etwa ‚Kulturen – Wissen‘ oder ‚Dinge – Forschen‘. „Alle diese Schlagworte lassen sich ganz verschieden miteinander kombinieren und immer ergibt sich dabei ein Sinn, der für den Forschungscampus relevant ist“, so von Poser. Rahemipour ergänzt: „Im Prinzip bilden diese Leitbegriffe das Koordinatensystem, innerhalb dessen wir uns auf dem Campus bewegen.“

Dass die Findung dieses Systems in der Gruppe erst einmal intensiv diskutiert werden musste, veranschaulicht sie an einem Beispiel: „Für die Museumsleute unter uns war eigentlich klar, dass es ‚Objekte – Wissen‘ heißen muss.“ Insbesondere das Rathgen-Forschungslabor aber sprach sich dagegen aus – unter anderem da aus dessen naturwissenschaftlicher Perspektive der auf kulturelle Codierung und historische Interpretation verweisende Objekt-Begriff zu eng gefasst erschien. „Auf der einen Seite existieren also unterschiedliche Jargons in den verschiedenen Wissenschaften. Auf der anderen Seite zeigt sich während der Treffen unserer Gruppe immer wieder, dass auch dieselben Bezeichnungen in den unterschiedlichen Disziplinen völlig unterschiedliche Bedeutungen haben können“, so von Poser, „über all dies muss man sich bei einem solch interdisziplinärem Projekt wie dem FC Dahlem zunächst einmal verständigen.“.

Der Bruno-Paul-Bau, in dem heute das Museum Europäischer Kulturen residiert, Ar-nimallee © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz Scarciglia
Der Bruno-Paul-Bau, in dem heute das Museum Europäischer Kulturen residiert, Ar-nimallee © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz Scarciglia

Wissen oder Wissenschaft?

Nach diesen unerlässlichen theoretischen Vorarbeiten geht das Lenkungsgremium nun ganz praktisch an die inhaltliche Ausgestaltung. Wie die beiden Sprecher*innen betonen, ist neben der eigentlichen Forschung und den damit verbundenen Infrastrukturen das Thema Wissenskommunikation zentral für den Forschungscampus: „Wir sprechen ganz bewusst von ‚Wissenskommunikation‘ und nicht von ‚Wissenschaftskommunikation‘, weil es uns eben nicht darum geht, nach dem Sender-Empfänger-Prinzip Wissenschaft zu betreiben und diese dann anschließend zu kommunizieren.“ Vielmehr gehe es um die Kommunikation über Wissen und die Aushandlung von Wissen: Wie entsteht Wissen und in welchen Prozessen geschieht dies? Wichtig sei dabei auch der Austausch mit einem möglichst breiten Publikum. Gemeinsam haben die Akteure bereits zahlreiche Ideen für öffentlichkeitswirksame Formate entwickelt.

Unter anderem ist für das kommende Jahr eine Ausstellung mit mindestens fünf Objekten in Vorbereitung, die aus ebenso vielen Perspektiven betrachtet werden sollen. Jede der am Forschungscampus beteiligten Einrichtungen bringt dabei ihre Sichtweise mit ein. Patricia Rahemipour erklärt das Prinzip wie folgt: „Nehmen wir eine Maske, egal aus welchem kulturellen Kontext. Aus einer ethnologischen Perspektive könnte beispielsweise der gesellschaftliche Entstehungszusammenhang oder auch die Funktion des Gegenstands im Fokus stehen. Mich als Vertreterin des Instituts für Museumsforschung hingegen interessiert eher, welche Rolle diese Maske in einem Ausstellungskonzept übernehmen kann. Für die Fachleute des Rathgen-Forschungslabors wiederum steht die Materialuntersuchung im Vordergrund. Und am Iberoamerikanischen Institut wird man, ähnlich wie die Ethnologen, sehr stark die Perspektive der jeweiligen Herkunftskultur einbeziehen.“

Wunderbare Möglichkeiten

Eine solche Ausstellung ist also auch eine wunderbare Möglichkeit, einer größeren Öffentlichkeit die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die im FC Dahlem vertreten sind, exemplarisch vorzustellen. Konkret in Planung ist zudem die nächste Ausgabe der „Southern Theory Lecture“, einer öffentlichen Vortragsreihe, die in Kooperation mit dem Institut für Sozial- und Kulturanthropologie und dem Leibniz-Zentrum Moderner Orient der Freien Universität organisiert wird. Die Reihe lädt Wissenschaftler*innen aus dem Globalen Süden zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen ein und möchte einen Beitrag zur Diversifizierung theoretischer Debatten in den Sozial- und Geisteswissenschaften leisten. Den Auftakt machte Ende letzten Jahres der senegalesische Sozialwissenschaftler Felwine Sarr. Neben Vorlesungen und Ausstellungen ist außerdem eine Podcast-Serie geplant, die sich mit den vielfältigen Themen des FC Dahlem beschäftigen wird. Auch künstlerische Interventionen sind zukünftig als Teil des Forschungscampus denkbar, um auf diese Weise beispielsweise das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst neu auszuloten.

Zusätzlich zu diesen publikumsorientierten Formaten sollen aber auch stärker universitär ausgerichtete Vorhaben umgesetzt werden. So wird derzeit gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der benachbarten Freien Universität ein interdisziplinäres Graduiertenkolleg für Studierende aus aller Welt vorbereitet. Eine zentrale Rolle spielen auch die am Standort vorhandenen Sammlungen. Das Museum Europäischer Kulturen etwa ist am Standort fest etabliert: Es erforscht, bewahrt und präsentiert hier seit mehr als 20 Jahren Alltagskultur sowie Lebenswelten in Europa. Das Ethnologischen Museum und das Museum für Asiatische Kunst werden ihre Ausstellungen zwar zukünftig im Humboldt Forum im neuerrichteten Berliner Schloss nahe der Museumsinsel zeigen. Ihre umfangreichen Bestände jedoch verbleiben zu mehr als 90% weiterhin in Dahlem – eine nahezu unerschöpfliche Quelle für verschiedenste Forschungstätigkeiten. In enger Zusammenarbeit mit Vertreter*innen aus Herkunftsgesellschaften werden die Sammlungen im Hinblick auf Fragen nach der Biografie von Objekten untersucht: Wo kommen diese her, unter welchen Umständen sind sie erworben worden, wie haben sich ihre Bedeutungsinhalte im Zuge ihrer Verlagerung verändert? Auch zu Themen wie Partizipation, Teilen von Deutungshoheit, Zirkulation und Restitution von materiellen und immateriellen Kulturgütern wird der Forschungscampus Grundlagenarbeit leisten.

Die Objekte des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst werden auf ihre Verbringung ins Humboldt Forum vorbereitet © SPK / photothek.net / Florian Gärtner
Die Objekte des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst werden auf ihre Verbringung ins Humboldt Forum vorbereitet © SPK / photothek.net / Florian Gärtner

Ein traditionsreicher Wissenschaftsstandort

Ganz bewusst knüpft die Idee eines (auch museal) ausgerichteten Forschungscampus an Traditionen des Standortes an, die weit über 100 Jahre zurückreichen. Bereits um 1900 entwickelte der Preußische Ministerialdirektor Friedrich Althoff für das bis dahin landwirtschaftlich geprägte märkische Dorf Dah-lem die Idee eines „deutschen Oxford“, an dem Teile der Universität, wissenschaftliche Institute und andere Bildungseinrichtungen angesiedelt werden sollten. In engem Austausch stand er mit Wilhelm von Bode, dem damaligen Generaldirektor der Königlichen Museen, von dem die Idee stammte, in Dahlem zudem Museumseinrichtungen und -sammlungen zu etablieren.

Für das Völkerkundemuseum (heute Ethnologisches Museum) sowie ein Asiatisches Museum sollten vier Neubauten errichtet werden. Jedoch wurde Anfang der 1920er Jahre lediglich ein nach Plänen des Architekten Bruno Paul errichteter Bau fertiggestellt, in dem heute das Museum Europäischer Kulturen untergebracht ist. Der Zweite Weltkrieg und die Auflösung Preußens beendeten zunächst die ambitionierten Pläne für den weiteren Ausbau des Wissenschaftsstandorts. Erst in der Zeit der Teilung Berlins und mit der Gründung der Freien Universität wurden die Überlegungen wieder aufgenommen. So zogen 1949 neben den ethnologischen Sammlungen die Gemäldegalerie, die Skulpturenabteilung, das Kupferstichkabinett und die Kunstbibliothek nach Dahlem.

Form follows function

Mit der Errichtung eben jenes neusachlichen Gebäudes, das zukünftig den Mittelpunkt des Forschungscampus bilden wird, erfolgte schließlich Anfang der 1970er Jahre die bauliche Vollendung des Museumskomplexes durch Fritz Bornemann und Wils Ebert. Generationen von Berliner*innen sowie Besucher*innen aus aller Welt konnten hier in den folgenden Jahrzehnten unter anderem die berühmten Boote aus Ozeanien bestaunen – bis das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst im Februar 2017 ihre Dahlemer Türen für das Publikum schlossen. Seitdem wird in den ehemaligen Ausstellungsräumen unter großem Aufwand der Umzug ins Humboldt Forum vorbereitet. Wenn dieser in naher Zukunft abgeschlossen sein wird, stehen auch die Säle wieder zur Verfügung. Beste räumliche Voraussetzungen für den FC Dahlem also.

Eine architektonische Potenzialanalyse für den Komplex wurde bereits durchgeführt. Sie hat ergeben, dass der Platz auf den zur Verfügung stehenden Flächen ausreicht, um eine räumliche Vernetzung der am Dahlemer Forschungscampus beteiligten Einrichtungen zu ermöglichen. Dazu werden langfristig auch bauliche Maßnahmen nötig sein. In der jetzigen Phase aber möchten sich die Macher*innen weiter vor allem auf das Programmatische konzentrieren. „Zuerst kommen die Inhalte, dann die räumliche Ausgestaltung“, sind sich Alexis von Poser und Patricia Rahemipour einig. Doch auch wenn deren Realisierung eine längerfristige Perspektive bleibt: Der Enthusiasmus und die Kreativität des Teams des FC Dahlems sind ansteckend. Die Aufwärmphase ist abgeschlossen – gelebte Realität ist der Forschungscampus jetzt schon.

Museen Dahlem, Berlin-Dahlem, Lansstraße © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker
Museen Dahlem, Berlin-Dahlem, Lansstraße © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker

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