Von Dürer bis Dior: Restaurierung bei den Staatlichen Museen zu Berlin

Die Restaurator*innen der Staatlichen Museen zu Berlin arbeiten täglich mit Objekten aus den unterschiedlichsten Materialien: von Papier über Textil bis zu Stein. Oft müssen sie dabei improvisieren und auf Tricks zurückgreifen. Anlässlich des 3. Europäischen Tags der Restaurierung am 11.10.2020 haben wir den Fachleuten bei einigen Restaurierungen über die Schulter geschaut.

Texte: Karolin Korthase und Sven Stienen

Dürers Lieblingskneipe: Neueste Bildanalysetechnologien halfen den Restaurator*innen am Kupferstichkabinett, eine überklebte Zeichnung des Renaissancemalers Albrecht Dürer sichtbar zu machen

Chefrestaurator Georg Josef Dietz mit der Dürer-Zeichnung im Kupferstichkabinett © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Chefrestaurator Georg Josef Dietz mit der Dürer-Zeichnung im Kupferstichkabinett © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Albrecht Dürer entsprach nicht dem modernen Klischee vom chaotischen Künstlergenie. Der Nürnberger Meister war gewissenhaft und geschäftstüchtig, wie seine Aufzeichnungen beweisen. Zu einem Porträt des dänischen Königs Christian II. notierte Dürer 1521: „(…) ich hab dem könig von öhlfarben conterfett, der hat mir 30 gulden geschenckt.“ Während eines Aufenthalts in Aachen im Jahr zuvor hielt er fest: „Jch hab Paulus Topler und Merten Pfinczig jn mein büchlein conterfet.“ Mit „büchlein“ meinte Dürer sein Skizzenbuch, das rund 30 Silberstiftzeichnungen auf 16 Seiten enthielt.

Die erwähnte Abbildung der Patrizier Paul Topler und Martin Pfinzing ist auf einem von vier Blättern aus dem Büchlein erhalten, die sich heute im Kupferstichkabinett befinden. Chefrestaurator Georg Josef Dietz erzählt: „Seit 1984 ist bekannt, dass sich auf der Rückseite des Blattes eine weitere, überklebte Zeichnung befindet. Wann und warum sie überklebt wurde, wissen wir aber nicht.“ Mit Hilfe neuester Technologie – der so genannten multispektralen Bildgebung – wurden nun 14 Aufnahmen des Werks gemacht, die unterschiedliche Spektren wiedergeben. „Auf jeder Abbildung ist etwas anderes zu sehen“, so Dietz. Digital wurden die einzelnen Aufnahmen anschließend übereinandergeblendet.

Das Bild, das sich dabei herausgebildet hat, ist aber alles andere als eindeutig. „Vage zu erkennen ist ein Innenraum mit einem Kamin, einer Türe und einem Fenster; auch das berühmte Dürer- Monogramm lässt sich an einer Stelle vermuten“, berichtet der Restaurator. Vielleicht handelt es sich bei dem Motiv um eine Darstellung des Gasthauses „Spiegel“ in Aachen? Diese These stammt von Christof Metzger, dem Chefkurator der Albertina in Wien. Georg Josef Dietz hatte ihn im Zuge der Bildanalyse kontaktiert. Dass Dürer gerne zockte, ist hinlänglich belegt. In seinen Tagebuchaufzeichnungen ist z.B. vermerkt: „Ich hab 5 Weißpfennig mit den Gesellen vertrunken und verbadet.“ Oder auch: „Ich habe 7 Stüber mit Herrn Hans Ebner im ‚Spiegel‘ verspielt.“ Da Dürer die Vorderseite des Skizzenblattes nachweislich in Aachen bezeichnet hatte, ist es durchaus denkbar, dass die Rückseite eine Innenansicht des Aachener Gasthauses zeigt, in dem sich Dürer gerne aufhielt. Komplett freilegen lässt sich die Rückseite leider nicht. Im Zuge früherer Ablösungsversuche, möglicherweise um 1900, wurden Teile der Zeichnung zerstört. Dass sich digital überhaupt so viel von der Skizze rekonstruieren ließ, ist aus restauratorischer Perspektive ein Erfolg – schließlich wurde so unverhofft ein ganz „neues“ Dürer-Werk entdeckt.

Schadows Herzensprojekt: Johann Gottfried Schadow war preußischer Hofbildhauer und schuf ikonische Werke wie die Prinzessinnengruppe, deren Gipsmodell nun wieder in seinen Originalzustand gebracht wird

Restauratorin Alexandra Czarnecki arbeitet an dem Gipsmodell von Johann Gottfried Schadows "Prinzessinnengruppe" © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Restauratorin Alexandra Czarnecki arbeitet an dem Gipsmodell von Johann Gottfried Schadows “Prinzessinnengruppe” © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Johann Gottfried Schadow war einer der wichtigsten Bildhauer des preußischen Klassizismus. Neben der Quadriga auf dem Brandenburger Tor schuf er die berühmte „Prinzessinnengruppe“ mit Kronprinzessin Luise und ihrer Schwester Friederike. Doch die Arbeit entstand nicht als Auftrag, sondern entsprang einem Herzenswunsch Schadows. „Er hat zwei Jahre an diesem Projekt gearbeitet“, weiß Alexandra Czarnecki, die Skulpturenrestauratorin der Alten Nationalgalerie. Von der ersten Idee über Detailstudien und einem Gipsmodell bis hin zur Marmorskulptur hat der königliche Bildhauer die Prinzessinnengruppe aus eigenem Antrieb entwickelt, als Hommage an die Damen der Königsfamilie.

Das gipserne Originalmodell der Prinzessinnen steht derzeit in Czarneckis Werkstatt. „Schadow hat daran eigenhändig gearbeitet, während die Marmorskulptur von seiner Werkstatt ausgeführt wurde und von ihm nur den finalen Schliff erhielt“, erzählt die Restauratorin. Die Arbeitsspuren lassen sich am Original sehr gut nachvollziehen. Dass die Gipsplastik aus dem Jahr 1795 restauriert werden kann, hängt mit zwei Zufällen zusammen. Zum einen musste die Friedrichswerdersche Kirche, in der die Skulptur bis 2012 stand, wegen Statikproblemen geschlossen werden; zum anderen ist die technische Entwicklung heute erst so weit, dass man die äußerst schwierige Gipsrestaurierung überhaupt in Angriff nehmen kann, wie die Restauratorin erklärt: „Das Originalmodell galt lange als unrestaurierbar. Gips ist offenporös und sehr empfindlich, Methoden wie mechanische Reibung oder der Einsatz von Wasser schließen sich aus.“

So hatte man im frühen 20. Jahrhundert die Skulptur mit Farbe überstrichen, um den Schmutz der Jahrzehnte zu überdecken. „Nach Untersuchungen mit UV-Licht konnten wir zwei Übermalungen und zahlreiche Retuschen feststellen“, erläutert Czarnecki. Nun müssen sie und ihre Kolleg*innen sich rückwärts vorarbeiten, um sich dem ursprünglichen Zustand wieder anzunähern. „Wir nehmen die beiden Farbschichten mit in Lösungsmittel getränkten Papierfliesen nacheinander ab und werden dann die Verschmutzung mit einem Laser reduzieren.“ Die Alte Nationalgalerie plant für 2022 eine Ausstellung zu Schadow, in der die beiden Originale aus Marmor und Gips gemeinsam präsentiert werden. Anschließend kehrt der Gips in die wiedereröffnete Friedrichswerdersche Kirche zurück.

Spieglein, Spieglein: Vor mehr als 2.200 Jahren fertigten griechische Handwerker mit viel Geschick wunderschöne Klappspiegel. In der Antikensammlung wird momentan ein stark beschädigter Spiegel restauriert

Restaurierungs-Praktikantin Tatiana Marchenko ordnet Fragemente des Deckelreliefs des griechischen Klappspiegels © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Restaurierungs-Praktikantin Tatiana Marchenko ordnet Fragemente des Deckelreliefs des griechischen Klappspiegels © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Es braucht einiges an Fantasie, um in den fragilen Figuren auf dem Deckel des antiken Bronzeklappspiegels einen Satyr und ein ihm gegenüber sitzendes Mädchen auszumachen. Ein Teil des Mädchenkörpers ist zerstört, vom Kopf des Satyrs, der in der griechischen Mythologie als Begleiter des Weingottes Dionysos auftritt, sind nur Schemen zu erahnen. Wie der antike Spiegel mit der Inventurnummer 30219, 911 vor seiner Zerstörung während und nach dem Zweiten Weltkrieg aussah, belegen Fotografien von 1921 und 1957.

Uwe Peltz, Restaurator in der Antikensammlung, erzählt: „Zum Glück liegen uns hochauflösende Glasnegative vor, die das Objekt eins zu eins abbilden. Da sieht man jedes Detail, qualitativ kann im Vergleich dazu jede digitale Technik einpacken.“ Anhand dieser Fotografien versuchen Peltz und die Restaurierungspraktikantin Tatiana Marchenko die Deckelfiguren wieder originalgetreu zu rekonstruieren. Wie bei einem Puzzle müssen die zig zersplitterten Relieffragmente zusammengefügt werden. Besonders viel Fingerspitzengefühl verlangt der Umgang mit den heute fehlenden Bereichen. Restauratorisch bieten sich zwei Optionen an, wie der Experte erläutert: „Entweder zeigt man den fragmentarischen Zustand oder ergänzt Fehlstellen mit faserarmiertem Kunststoff, der wahlweise noch farblich retuschiert werden kann, um den Unterschied zum Original auszugleichen.“

Dies verweist auf eine Fragestellung, mit der sich alle Restaurator*innen beschäftigen: Wie stark rekonstruiert man ein Objekt und wie viele historische Spuren – auch Schäden – bewahrt man als Teil seiner Geschichte? Seit 1912 gehört der Spiegel, dessen Entstehungszeitraum auf das dritte Viertel des 3. Jh. v. Chr. datiert wird, zum Bestand der Antikensammlung. Fritz von Gans, ein Frankfurter Industrieller und Kunstsammler, hatte den Königlichen Museen in Berlin damals seine umfangreiche Sammlung als Schenkung vermacht. Uwe Peltz fasziniert an dem Objekt vor allem das Wechselspiel zwischen Technik und Ästhetik: „Als gelernter Werkzeugmacher habe ich allerhöchsten Respekt vor dem Geschick des damaligen Handwerkers an der Drehbank.“ Dem stimmt Tatiana Marchenko als vorgebildete Technologin voll und ganz zu.

Historisches Glasnegativ des Spiegels von 1921 © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung
Historisches Glasnegativ des Spiegels von 1921 © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung

Zwischen Aufbruch und Tradition: 2019 erwarb das Kunstgewerbemuseum ein fast 70 Jahre altes Abendkleid aus dem Hause Dior. Derzeit wird das kunstvoll verzierte Modestück restauriert

Restauratorin Gabriella Gaal mit dem Dior-Kleid im Kunstgewerbemuseum © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Restauratorin Gabriella Gaal mit dem Dior-Kleid im Kunstgewerbemuseum © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Eine schmale Taille, üppige Hüften und ein aufreizendes Dekolleté: Das ist das Schönheitsideal der 1950er Jahre. Der französische Modeschöpfer Christian Dior entwarf Kleider, die nach den zehrenden und aus modischer Sicht eher pragmatischen Jahren der Nachkriegszeit die Weiblichkeit feierten und einen fast schon nostalgischen Blick offenbarten. Für diesen sogenannten „New Look“ – so nannte Carmel Snow, die Chefredakteurin von „Harper’s Bazaar“, Diors Kreationen – wurde der Designer nicht nur gefeiert, sondern auch scharf kritisiert. Zu rückständig erschien manchen das Frauenbild, das er mit seinen langen Röcken und den zusammengepressten Taillen vermittelte.

Im Kunstgewerbemuseum wird derzeit ein Kleid aus Diors Herbst-/Winterkollektion 1951 restauriert, das seit 2019 zum Sammlungsbestand des Hauses gehört. „Es handelt sich um das Abendkleid ‚Mexique‘ mit einem eng anliegenden, schulterfreien Oberteil und einem bodenlangen Tüllrock in Glockenform“, erzählt die Textilrestauratorin Gabriella Gaal. Das Besondere an dem Kleid ist, neben den kunstvoll aufgestickten Pailletten und Glasperlen, das Material: Der Tüll ist, typisch für Dior-Mode aus den 1950er Jahren, aus modifizierter Zellulosefaser gefertigt. „Generell ist das Kleid in einem guten Zustand“, stellt Gaal fest. Probleme machen der Restauratorin vor allem mehrere kleinere und größere Löcher im Tüllstoff: „Es ist ein doppellagiger Stoff. Bei den kleineren Löchern ist es möglich, die Tüllstruktur zusammenzufügen, bei den größeren, die etwa zwei Zentimeter Durchmesser umfassen, plane ich, mit Intarsien zu arbeiten und zu versuchen, den Originalstoff nachzuempfinden.“

Zu den Aufgaben der Restauratorin gehört außerdem die Anfertigung einer Figurine, die passgenau unter dem Kleid sitzen muss. Mithilfe von Schaumstoff kann die von Dior vorgesehene Körperform mit einer extrem schmalen Taille von nur 65 Zentimetern Umfang perfekt nachgebildet werden. Wann das „Mexique“-Kleid der Öffentlichkeit präsentiert wird, steht noch nicht fest. Kuratorin Katrin Lindemann hofft, „dass dieses beeindruckende Beispiel von Abendmode aus den 1950er Jahren irgendwann im Laufe des Jahres 2021 in einer Ausstellung zu sehen sein wird.“

Weitere Informationen rund um die Arbeit der Restaurator*innen gibt es zum 3. Europäischen Tag der Restaurierung am 11.10.2020 unter www.tag-der-restaurierung.de. Die Restauror*innen der Staatlichen Museen zu Berlin geben außerdem bei der Veranstaltungsreihe „Von Restauratoren erforscht“ regelmäßig Einblicke in ihre Projekte.

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