Wo die Steppe Geschichte schreibt – Eine Reise zu den Ursprüngen des mongolischen Weltreichs
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Eine Delegation aus Berlin besuchte anlässlich der bevorstehenden Ausstellung „Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“ im Neuen Museum die Mongolei. Timo Weißberg, Pressesprecher der Museumsinsel Berlin, war dabei.
Text: Timo Weißberg
Die Sonne brennt erbarmungslos vom fast wolkenlosen Junihimmel, weit und breit spenden kein Baum, kein Gebäude Schatten. Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Anton Gass schirmen ihre Augen mit den Händen. Sie schauen Richtung Westen und zeigen auf eine in der Ferne liegende Hügelkette, die von einem im gleißenden Sonnenlicht nur vage erkennbaren Tal unterbrochen wird: „Von dort hinten kamen die europäischen Entdecker und Reisenden wie der Franziskaner Wilhelm von Rubruk und wahrscheinlich auch Marco Polo.“
Wir stehen inmitten der Weite der mongolischen Steppe, um uns herum das Areal, auf dem einst die Hauptstadt des mongolischen Weltreichs stand: Karakorum. Von hier aus regierten Dschingis Khan und seine Nachfolger das größte zusammenhängende Reich der Geschichte. Auf seinem Höhepunkt erstreckte es sich vom Gelben Meer bis nach Osteuropa und von den Wäldern Sibiriens bis an die Grenzen Indiens.
Die Szene bildet den gedanklichen Ausgangspunkt einer Pressereise, die das Museum für Vor- und Frühgeschichte anlässlich der Ausstellung „Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“ (21. Oktober 2026 bis 18. April 2027, James-Simon-Galerie) organisiert. Eine Woche lang reisen neun Journalistinnen und Journalisten gemeinsam mit den Archäologen Matthias Wemhoff und Anton Gass zu den Schauplätzen einer Geschichte, die bis heute das Selbstverständnis der Mongolei prägt und deren Nachwirkungen weit über die Grenzen des Landes hinausreichen: Das mongolische Weltreich veränderte Eurasien nachhaltig, verband weit entfernte Handelsräume und förderte den Austausch von Waren, Wissen, Technologien sowie Ideen in einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Die Spuren dieser Epoche sind bis heute sichtbar – in wirtschaftlichen Verflechtungen, kulturellen Begegnungen und nicht zuletzt in unserem Verständnis einer zunehmend vernetzten Welt.
Ankunft in einem Land der Extreme
Schon die Fahrt vom Flughafen in die Hauptstadt Ulaanbaatar vermittelt einen Eindruck von den Dimensionen des Landes. Jurten erscheinen in der Ferne wie weiße Stecknadelköpfe. Die Landschaft wirkt beinahe grenzenlos.
Mit rund zwei Einwohnern pro Quadratkilometer ist die Mongolei das am dünnsten besiedelte Land der Erde. Auf einer Fläche von mehr als dem Vierfachen Deutschlands leben lediglich rund 3,4 Millionen Menschen. Wer die Steppe vor sich liegen sieht, versteht diese Zahlen unmittelbar.
Gleichzeitig konzentriert sich ein großer Teil der Bevölkerung in Ulaanbaatar. Die Hauptstadt wächst seit Jahren rasant. Landflucht, wirtschaftliche Perspektiven und klimatische Veränderungen treiben viele Menschen hierher. Besonders die sogenannten Dsud-Winter – verheerende Kälteperioden nach trockenen Sommern – vernichten immer häufiger ganze Viehbestände. Viele Nomadenfamilien verlieren dadurch ihre Lebensgrundlage. Die Folgen zeigen sich in den weitläufigen Ger-Vierteln der Hauptstadt, deren Kohleöfen wiederum erheblich dazu beitragen, dass Ulaanbaatar als eine der Städte mit der schlechtesten Luftqualität weltweit gilt.
Nach 45 Minuten Fahrt erreichen wir unser Hotel in der Innenstadt von Ulaanbaatar. Nur etwa zwei Stunden bleiben uns, um uns frisch zu machen. Dann beginnt das Programm. Im Chinggis Khaan National Museum empfängt uns Museumsdirektor Chuluun Sampildondov. Das moderne Haus ist nicht nur ein Museum, sondern ein Ort nationaler Selbstvergewisserung. Spätestens beim Anblick der monumentalen Goldstatue Dschingis Khans in der obersten Etage wird deutlich, welche Rolle der Reichsgründer im heutigen Mongolei-Bild spielt.
Dschingis Khan – gefeierter Held und grausamer Eroberer
In den Gesprächen mit mongolischen Kolleginnen und Kollegen begegnet uns immer wieder dieselbe Ambivalenz. Dschingis Khan gilt als Nationalheld und Staatsgründer. Gleichzeitig bleibt er eine historische Figur, deren Feldzüge unzählige Menschenleben kosteten.
Anton Gass beschreibt ihn als eine Persönlichkeit, die sich einfachen Urteilen entzieht. Tatsächlich steht brutale Expansion neben bemerkenswerter Offenheit. Unter den Mongolen entstanden sichere Handelswege, die Europa und Asien enger miteinander verbanden als je zuvor. Händler, Gelehrte und Gesandte konnten vergleichsweise frei reisen. Auch religiöse Vielfalt wurde vielerorts toleriert. Die sogenannte Pax Mongolica schuf Voraussetzungen für Austausch, Wissenstransfer und wirtschaftliche Entwicklung über Kontinente hinweg.
Diese Vielschichtigkeit gehört zu den zentralen Themen der Berliner Ausstellung – und sie begleitet uns während der gesamten Reise.
Durch die Steppe Richtung Orchontal
Am nächsten Morgen verlassen wir Ulaanbaatar. Unsere Kleinbusse kämpfen sich zunächst durch den chaotischen Stadtverkehr, bevor sich die Landschaft öffnet. Die Straßen werden holpriger, die Abstände größer und die Gespräche ruhiger.
Stundenlang fahren wir durch eine Steppe, die scheinbar kein Ende kennt. Pferde- und Ziegenherden ziehen über die Hügel, Greifvögel kreisen am Himmel. Immer wieder tauchen einzelne Jurten auf. Die nomadische Lebensweise ist in der Mongolei keineswegs Folklore, sondern vielerorts gelebte Gegenwart. Beim Blick aus dem Fenster entsteht beinahe zwangsläufig das Bild der Reiterverbände Dschingis Khans. In dieser offenen Landschaft erscheint die Vorstellung plötzlich plausibel, wie mobile Heere innerhalb kurzer Zeit enorme Distanzen überwinden konnten. Die Steppe wird zum historischen Akteur.
Unser erstes archäologisches Ziel ist Khöshöö Tsaidam. Die dortigen Göktürk-Monumente entstanden mehrere Jahrhunderte vor dem Mongolenreich. Für die Geschichte der Turkvölker besitzen sie herausragende Bedeutung. Die Inschriften gelten als frühester Nachweis einer Turksprache. Bis heute pilgern Besucherinnen und Besucher aus der Türkei hierher.
Anschließend geht es noch einige Stunden durch die karge Landschaft bis wir endlich unser eigentliches Ziel am Südende des Orchontals erreichen. Hier verdichten sich die historischen Schichten Zentralasiens auf einzigartige Weise. Mehrere Großreiche hinterließen ihre Spuren in derselben Landschaft.
Besonders beschäftigt uns eine Frage: Warum gründeten Nomaden überhaupt Städte? Die Antwort liegt im Erfolg ihrer Expansion. Mit dem rasanten Wachstum des Mongolenreiches entstand das Bedürfnis nach Verwaltung, Handel und Repräsentation. Karakorum wurde zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum eines Reiches, das sich über weite Teile Eurasiens erstreckte.
In dem in der Stadt Kharkhorin gelegenen Museum von Karakorum erläutern Matthias Wemhoff und Anton Gass die neuesten Forschungsergebnisse. Karten, Modelle und Funde vermitteln ein Bild jener Stadt, die im 13. Jahrhundert Menschen aus unterschiedlichsten Regionen zusammenführte. Chinesische Handwerker, persische Händler, europäische Gesandte und mongolische Eliten trafen hier aufeinander.
Dann machen wir uns zu Fuß auf den Weg vom Museum zu jenem Areal, auf dem Karakorum sich einst befand. Dabei durchschreiten wir auch das zum Teil auf dem Stadtgebiet liegende Kloster Erdene Zuu. Seine Geschichte erzählt von einem weiteren Kapitel der Mongolei. Während der sozialistischen Mongolischen Volksrepublik wurden zahlreiche Klöster zerstört, religiöse Traditionen unterdrückt und Zehntausende Mönche verfolgt. Erst nach dem Ende des sozialistischen Systems begann eine vorsichtige Wiederbelebung des buddhistischen Erbes. Die Mauern von Erdene Zuu wirken deshalb nicht nur als historisches Monument, sondern auch als Symbol kultureller Widerstandskraft.
Anschließend stehen wir auf dem eigentlichen Stadtgelände. Für ungeübte Augen ist zunächst wenig zu erkennen. Gras, sanfte Erhebungen und weite Horizonte. Doch die Archäologen lesen die Landschaft wie ein offenes Buch. Sie zeigen ehemalige Straßenzüge, erklären Geländestrukturen und verweisen auf die Lage zentraler Plätze.
Plötzlich werden die unscheinbarsten Details spannend. Überall liegen Keramikscherben. Manche tragen noch Reste farbiger Glasuren. Binnen kurzer Zeit entwickelt sich unsere Reisegruppe zu einer Gemeinschaft von Hobbyarchäologen. Mit gesenktem Blick suchen wir fieberhaft nach Spuren der Vergangenheit. Jede Scherbe erzählt von Handwerk, Handel und Alltag in einer Stadt, die einst das Zentrum einer Weltmacht war.
Am Ende unseres Rundgangs machen wir Halt vor der gigantischen, mehrere Tonnen schweren Granitskulptur einer Schildkröte mit drachenähnlichen Zügen. Auf ihrem Rücken befand sich einst eine steinerne Stele mit Inschrift, die eine Art Gründungsdokument der Stadt darstellt und deren Bruchstücke sich heute im Museum von Karakorum befinden. In der chinesischen und ostasiatischen Tradition gelten Schildkröten als Sinnbild für Beständigkeit, Weisheit und Langlebigkeit – Eigenschaften, die auch auf die Herrschaft des Reiches übertragen werden sollten. Dass ausgerechnet dieses Monument die Jahrhunderte überdauert hat, erscheint beinahe symbolisch. Während Paläste, Tempel und Wohnviertel längst verschwunden sind, blickt die steinerne Schildkröte noch immer stoisch über die Steppe. „Sie ist gewissermaßen die letzte sichtbare Wächterin Karakorums“, sagt Anton Gass.
Immer wieder greift Matthias Wemhoff auf die Berichte des Franziskaners Wilhelm von Rubruk zurück. Der flämische Mönch erreichte Karakorum im Jahr 1254 und hinterließ eine der wichtigsten Beschreibungen der Stadt.
Rubruk berichtet von Tempeln, Märkten, Werkstätten und einem erstaunlich kosmopolitischen Leben. Seine Schilderungen helfen dabei, die heute unsichtbare Stadt vor dem inneren Auge wieder entstehen zu lassen. Während wir durch die Steppe laufen, werden seine Beobachtungen zu einem gedanklichen Reiseführer durch das 13. Jahrhundert. Gerade in diesen Momenten wird deutlich, wie eng sich historische Quellen und archäologische Forschung ergänzen.
Nicht nur Karakorum macht das Orchontal zu einem außergewöhnlichen Ort. Wenige Stunden später stehen wir in Karabalgasun, auch Ordu-Baliq genannt. Die Stadt war die Hauptstadt des Uigurischen Reiches und bereits Jahrhunderte vor den Mongolen ein politisches Zentrum Zentralasiens.
Allein die Dimensionen der Anlage sind beeindruckend. Mächtige Mauern zeichnen noch immer die Struktur des einstigen Tempel- und Palaststadbezirkes nach. Erst später, beim Blick auf großformatige Luftaufnahmen im Chinggis Khaan National Museum, erschließt sich uns das gesamte Ausmaß dieser Metropole.
Karabalgasun und Karakorum zeigen gemeinsam, warum das Orchontal als Wiege mehrerer Reiche gelten kann. Immer wieder entstanden hier politische Zentren, deren Einfluss weit über die Region hinausreichte.
Am Abend erreichen wir erschöpft und angefüllt mit Eindrücken die Talbuin Lodge im oberen Orchontal. Nach Stunden auf Schlaglochpisten beginnt plötzlich eine neue Straße. Die Erleichterung in den Fahrzeugen ist spürbar.
Dann öffnet sich vor uns eine Landschaft, die selbst erfahrene Reisende sprachlos macht. Der Orchon-Fluss hat einen tiefen Canyon in das Gestein geschnitten. Riesige Felsblöcke liegen verstreut im Tal. Im Hintergrund zeichnen sich Bergketten ab. Das Licht des späten Abends legt sich über die Landschaft.
Hier verbringen wir zwei Tage. Zum ersten Mal verlangsamt sich das Tempo der Reise. Wir genießen die Umgebung, beobachten Wolkenschatten auf den Hängen und erleben einen überwältigenden Regenbogen, der sich über das Tal spannt.
Einer der eindrücklichsten Momente der Reise ist der Besuch bei einer Nomadenfamilie. In ihrer Jurte empfangen uns Hausherr Chumchik samt Frau und den beiden Söhne mit großer Gastfreundschaft.
Bei Milchtee und gedämpften Teigtaschen sprechen wir über den Alltag zwischen Tradition und Moderne. Die Familie besitzt rund 800 Tiere – Pferde, Schafe und Ziegen. Noch immer bestimmt die Bewegung mit den Herden den Jahresrhythmus.
Für viele Besucherinnen und Besucher Europas wirkt dieses Leben ungewöhnlich. In der Mongolei gehört es weiterhin zur gesellschaftlichen Realität. Die Begegnung macht deutlich, wie eng Kultur, Landschaft und Mobilität bis heute miteinander verbunden sind.
Auf dem Rückweg nach Ulaanbaatar legen wir einen Halt an den Dünen von Elsen Tasarkhai ein, der sogenannten Kleine Gobi. Kamele ziehen durch den Sand, während am Horizont grüne Hügel aufragen – ein weiterer Kontrast in einem Land voller Gegensätze.
Zurück in der Hauptstadt treffen wir Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Kultur. Dabei wird deutlich, wie bewusst die Mongolei heute mit ihrer Geschichte umgeht. Nach Jahrzehnten sozialistischer Herrschaft als Mongolische Volksrepublik erlebt das kulturelle Erbe des Landes seit den 1990er Jahren eine bemerkenswerte Wiederbelebung. Klöster werden restauriert, religiöse Traditionen gepflegt und archäologische Forschungen intensiviert.
Am letzten Tag besuchen wir erneut das Chinggis Khaan National Museum. Diesmal stehen jene Objekte im Mittelpunkt, die als Leihgaben nach Berlin reisen werden. Matthias Wemhoff und Anton Gass erläutern die Bedeutung und Geschichten hinter den Exponaten. Plötzlich schließt sich ein Kreis: Viele der Orte, die wir besucht haben, und viele der Landschaften, durch die wir gefahren sind, verdichten sich in den konkreten Objekten. Zugleich wird deutlich, welche besondere Gelegenheit die Ausstellung in Berlin bieten wird: Ab Herbst können Besucherinnen und Besucher anhand dieser außergewöhnlichen Leihgaben in jene Welt eintauchen, deren Spuren wir vor Ort erkundet haben. Die Reise durch die Mongolei hat ihnen einen Kontext gegeben – in der James-Simon-Galerie werden die Objekte wiederum ihre Geschichten erzählen und die Vergangenheit des auch für Europa so prägenden Riesenreiches lebendig werden lassen.
Am Abend erleben wir im National Academic Drama Theatre die Produktion „Land of the Sky“. Die Aufführung verbindet Musik, Tanz und nationale Mythen zu einem bildgewaltigen Panorama der mongolischen Geschichte. Pathos gehört dabei ausdrücklich zum Programm. Das Publikum dankt es mit Begeisterung.
Wenige Stunden später beginnt die Heimreise. Direktflüge verbinden Frankfurt inzwischen mehrmals pro Woche mit Ulaanbaatar. Die Distanz lässt sich in wenigen Stunden überwinden. Mental jedoch bleibt die Mongolei weit entfernt.
Vielleicht liegt das an den Dimensionen der Landschaft. Vielleicht an der Tiefe ihrer Geschichte. Vielleicht daran, dass sich Vergangenheit und Gegenwart hier auf besondere Weise überlagern.
Wer durch die Steppe reist, versteht besser, wie aus einem dünn besiedelten Land eines der größten Reiche der Welt hervorgehen konnte. Und wer zwischen den kaum sichtbaren Resten von Karakorum steht, erkennt, dass Archäologie weit mehr ist als die Erforschung vergangener Zeiten. Sie macht sichtbar, wie Landschaften Erinnerungen bewahren – und wie Geschichte bis in die Gegenwart hineinwirkt.
Die Ausstellung „Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“ des Museums für Vor- und Frühgeschichte läuft vom 21.10.2026 bis 18.4.2027 in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel Berlin.
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