Zehnerpack:

Zehnerpack: Eine kleine Pop-Art-Büchsen-Story

Die Pop Art spielte mit dem Konsum der US-Gesellschaft Mitte des 20. Jahrhunderts. Jetzt, da viele wegen der Coronakrise zum ersten Mal vor leeren Supermarktregalen stehen, mutmaßt Kurator Andreas Schalhorn, wie die stereotypische amerikanische Pop-Art-Hausfrau wohl mit dem Problem umgegangen wäre …

Text: Andreas Schalhorn

Roy Lichtenstein, „Crying Girl“, 1963 © Erste of Roy Lichtenstein / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

In diesen Tagen, geprägt von Ausgangsbeschränkungen, Quarantäne, Home Office und geschlossenen Restaurants, erlebt auch die Dosensuppe ihre Renaissance als Notnahrung. Für Karen, die typische amerikanische Pop-Art-Hausfrau der 1960er Jahre, hätten solche Zeiten eine echte Herausforderung bedeutet – Was soll sie für die Familie auf den Tisch bringen?

Ed Ruscha, „Mocha Standard“, 1969 © Ed Ruscha / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Volker-H. Schneider

Zum Glück gab es die ultraschicke neue Tankstelle am Rande des Highways, der letzten Lebensader in der Nähe ihrer Siedlung irgendwo im Nirgendwo. In nur zwei Stunden war sie zu erreichen.

Andy Warhol, „Campbell’s Vegetable Soup“, 1967 © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz

Und zum Glück hatten sich Karen und ihr Mann John letztes Jahr diesen riesigen Pickup gekauft. Eigentlich zu groß, doch nun ließ sich mit seiner Hilfe eine ordentliche Notration bunkern. Vor allem Campbell’s Condensed Dosensuppen!

Andy Warhol, „Campbell’s Tomato Soup“, 1967 © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz
Andy Warhol, „Campbell’s Black Bean Soup“, 1967 © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz
Andy Warhol, „Campbell’s Chicken Noodle Soup“, 1967 © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz

Diese Auswahl! Und wie das designmäßig etwas in die Jahre gekommene Etikett verriet, mit Auszeichnung versehen – auch wenn die Goldmedaille der Pariser Weltausstellung1900 schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hatte. Auch ein gewisser Andrew Warhola, besser bekannt als Andy Warhol, soll sich über Jahre hinweg von der Campbell’s Tomatensuppe ernährt haben, wie unsere Pop-Art-Hausfrau Karen erst kürzlich beim Friseur gelesen hatte.

„Einkaufstasche zur Wahol-Ausstellung im Institute of Contemporary Art Boston“, 1966 © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York / Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz

Ja, dieser Andy Warhol hatte sich die Büchsen regelrecht angeeignet. Riesengroß wurden sie im Siebdruck zu Papier gebracht. Und die Museen machten auch noch mit – und boten ihren Besuchern Papiertüten an, auf denen eine Büchse Tomatensuppe zu sehen war. War das noch Werbung für Campbell’s? Nein, das war Werbung für Andy Warhol!

Unbekannt, „Souper Dress“, USA, um 1967 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum, Sammlung Kamer/Ruf / Saturia Linke

Wer hängt sich denn so ein Suppendosenplakat ins Haus, fragte sich Karen, die Pop-Art-Hausfrau. Sie war schon froh, nun eine ganze Palette an Dosen in der Speisekammer untergebracht zu haben. Aber halt, das war natürlich etwas Anderes: Campbell’s schickte seinen Kundinnen gegen Einsendungen von ein paar Büchsenetiketten und einem Dollar ein Minikleid im Warhol- beziehungsweise Büchsenlook zu. Da war sie dabei!

Eduardo Paolozzi, „Folks Always Invite for the Holidays“ (aus „Bunk“), 1949/1972 © Trustees of the Paolozzi Foundation, Licensed by VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz

Dass Tim, Lee und Perry, die Kinder der amerikanischen Pop-Art-Familie wahnsinnig auf süßes Dosenobst standen, hatte John beim Einkauf in der zwei Autostunden entfernten Tankstelle natürlich bedacht. Als guter Amerikaner konnte er auch an einigen Büchsen Erdnüsse nicht vorbeigehen.

„Andy Warhol – Brillo“, 1970, Plakat zur Ausstellung des Museum of Contemporary Art Chicago © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York / Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz

Karen, die gute amerikanische Pop-Art-Hausfrau hatte es ja geahnt: Das mit den vielen Dosensuppen würde zu einer Herausforderung für Kleidung und Tischwäsche werden. Gut, dass ihr braver Mann John auf seinen Pickup auch mehrere Schachteln Waschmittel von Brillo geladen hatte. Sie ließen sich wunderbar stapeln! Dass auch das Waschpulver bald darauf in der Kunst dieses Andy Warhol auftauchte, konnte die gute amerikanische Pop-Art-Hausfrau nach der Sache mit den Suppendosen nicht mehr verwundern …

Die Ausstellung „Pop on Paper. Von Warhol bis Lichtenstein“ sollte vom 2.4. bis 26.7.2020 laufen, wird aber nun bis auf Weiteres nicht geöffnet sein. Informationen zu aktuellen Entwicklungen rund um das Programm der Museen gibt es auf der Webseite der Staatlichen Museen zu Berlin.

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