Giuseppe Passalacqua – Vom Pferdehändler zum Ägyptenforscher

Giuseppe Passalacqua, ein verkannter Gründervater des Neuen Museums, wäre am Sonntag 220 Jahre alt geworden. Christina Hanus, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Ägyptischen Museum und Papyrussammlung, über ein Leben im Zeichen der Ägyptenforschung.

Der Versuch, sich ein Bild von Giuseppe Passalacquas zu machen, scheitert zunächst am Fehlen eines tatsächlichen Porträts von ihm. Wo von berühmten Ägyptologen wie Carl Richard Lepsius, Georg Ebers oder Adolf Erman zahlreiche Bildnisse existieren, läuft die Suche bei Passalacqua ins Leere. Von diesen Schwierigkeiten sollte sich jedoch niemand abhalten lassen, denn seine Person verdient durchaus Aufmerksamkeit als einer der frühen Gründerväter des Neuen Museums und Förderer der Ägypten-Forschung in Deutschland.

Vom Pferdehändler zum Spezialisten
Giuseppe Caspar Ludwig Passalacqua, mitunter auch eingedeutscht als Joseph Passalacqua erwähnt, erblickte als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie am 26. Februar 1797 in Triest das Licht der Welt. Den ersten Kontakt mit dem Land der Pharaonen hatte der Italiener als 23-jähriger Unternehmer: 1820 reiste er nach Ägypten, um dort Pferdehandel zu betreiben.

Funde im Grab des Mentuhotep in Theben. Im Jahr 1823 entdeckt und ausgegraben durch Passalacqua. Kolorierte Originalzeichnung von G. Passalacqua © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin, Dokumentenarchiv
Funde im Grab des Mentuhotep in Theben. Im Jahr 1823 entdeckt und ausgegraben durch Passalacqua. Kolorierte Originalzeichnung von G. Passalacqua
© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin, Dokumentenarchiv

Da der große Erfolg bei diesem Vorhaben ausblieb, widmete er sich dem Handel mit altägyptischen Artefakten, der sich in Ägypten bereits ausbreitete. Er erwarb eine Grabungslizenz sowie eine Ausfuhrgenehmigung für alle von ihm ausgegrabenen oder erworbenen Altertümer und entwickelte sich rasch zum Spezialisten. Seine Sammlung wuchs kontinuierlich an und er vertiefte sich mit persönlichem Interesse intensiv in das Alte Ägypten.

In den Jahren 1822 bis 1825 ließ Passalacqua Ausgrabungen unter anderem in der Nekropole Asasif von Theben-West durchführen, wo am 4. Dezember 1823 das Schachtgrab des Pharaos Mentuhotep aus dem Mittleren Reich freigelegt wurde. Mit größter Sorgfalt und Akkuratesse nahm er die Funde auf, beschrieb ausführlich das Aussehen und den Zustand der Objekte, bevor sie aus dem Grab geborgen wurden. Die zeichnerische Dokumentation in Form von Aquarellen erweist sich heutzutage aufgrund ihrer Detailliertheit als großer Schatz. Viele Objekte, die durch den Zweiten Weltkrieg verloren gingen, stark beschädigt oder komplett zerstört wurden, sind ausschließlich durch die Aquarelle für die Wissenschaft erhalten geblieben.

Bootsmodell aus dem Grab des Mentuhotep (Mittleres Reich, 2119 v. Chr. bis 1794 v. Chr., Theben-West © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / M. Büsing
Bootsmodell aus dem Grab des Mentuhotep (Mittleres Reich, 2119 v. Chr. bis 1794 v. Chr., Theben-West) © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / M. Büsing

Letzte Rettung durch einen prominenten Kunstliebhaber
Giuseppe Passalacqua ließ seine Sammlung von rund 1.600 Objekten über Triest nach Paris bringen, wo sie 1826 in der Galerie d’Antiquités Égyptiennes, Passage Vivienne no. 52, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurden. In seinem Ausstellungskonzept ordnete er die kulturhistorisch bedeutenden Artefakte thematisch an und ergänzte die Informationen auf den Beschriftungsschildern in der Galerie durch seinen selbst erstellten Katalog der Funde. In diesem Catalogue raisonné et historique des antiquités découvertes en Egypte boten exakte archäologische Beschreibungen und naturwissenschaftliche Bewertungen eine neuartige umfassende Bearbeitung.

Passalacquas Versuch, seine ägyptischen Artefakte dem französischen Staat zu verkaufen, scheiterte. Es wurden zu dieser Zeit einige konkurrierende Sammlungen ägyptischer Altertümer auf dem Kunstmarkt angeboten, gegen die Passalacqua sich behaupten musste. Um weiterhin im Gespräch zu bleiben und möglichst große öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen, zögerte er nicht, Mumien aus seinem Konvolut sogar für öffentliche Untersuchungen an der Sorbonne zur Verfügung zu stellen.

Die drei Särge des Mentuhotep. Kolorierte Originalzeichnung von G. Passalacqua  © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin, Dokumentenarchiv
Die drei Särge des Mentuhotep. Kolorierte Originalzeichnung von G. Passalacqua
© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin, Dokumentenarchiv

Um zu verhindern, dass seine Sammlung durch eine drohende Auktion auseinandergerissen wurde, wandte sich Giuseppe Passalacqua in einem Brief an einen prominenten kunstinteressierten Besucher seiner Ausstellung in der Galerie Vivienne: Den preußischen König Friedrich Wilhelm III. Ihm bot Passalacqua die komplette Sammlung zum Kauf an, was letztlich von Erfolg gekrönt war. Am 19. April 1827 wurde der Kaufvertrag geschlossen, durch den Passalacqua seine Sammlung für 100.000 Francs an König Friedrich Wilhelm III. übereignete – weit weniger als er für das Gesamtkonvolut ursprünglich veranschlagt hatte.

Museumsdirektor in Preußen
Weiterhin wurde vereinbart, dass Passalacqua persönlich bei den Verpackungsarbeiten in Paris und dem Auspacken der Objekte in Berlin zugegen sein sollte, um alle Tätigkeiten zu überwachen. Am 15. Juli 1827 erfolgte der Transport der Sammlung in Richtung Preußen. König Friedrich Wilhelm III. beauftragte Passalacqua, die Aufstellung der Objekte im Schloss Monbijou nach demselben thematischen Konzept vorzunehmen, das Passalacqua bereits in der Pariser Galerie Vivienne angewandt hatte. In Berlin angekommen, wurden die Objekte mit den bereits von Preußen angekauften Sammlungen Minutoli, Koller und Bartholdy vereinigt.

Doch nicht nur die ägyptischen Artefakte fanden in Berlin eine neue Heimat. Giuseppe Passalacqua wurde am 7. Juli 1828 unbefristet zum „Aufseher der ägyptischen Sammlung“ ernannt, mit einem Jahresgehalt von 1000 Talern inklusive einer Zulage von 600 Talern. Damit genoss er auch das Privileg, zum ersten Direktor des heutigen Ägyptischen Museums und Papyrussammlung ernannt zu werden. Rund 37 Jahre leitete Giuseppe Passalacqua die ägyptische Sammlung Berlins – länger als alle anderen Direktoren, die ihm nachfolgten.

Kästchen mit Verzierungen (Neues Reich, 18.–19. Dynastie, 1550 v. Chr. bis 1186 v. Chr., Theben-West © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / S. Steiß
Kästchen mit Verzierungen (Neues Reich, 18.–19. Dynastie, 1550 v. Chr. bis 1186 v. Chr., Theben-West) © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / S. Steiß

In seiner Amtszeit widmete er sich mit großem Eifer der Pflege und Bewahrung der Bestände sowie der wissenschaftlichen Erschließung, indem er einen ausführlichen Gesamtkatalog erstellte. Früh erkannte er die Platzprobleme des damaligen Ausstellungsortes, der dem steten Ankauf weiterer Sammlungen schon bald nicht mehr genügte, und wies beharrlich seine Vorgesetzten darauf hin, dass ein neuer Museumsbau für die inzwischen rund 6.000 Objekte vonnöten sei.

“Dem schönen Berlin eine neue Zierde”
Daraufhin erhielt Passalacqua die Möglichkeit, ein eigenes Konzept für einen Museumsneubau zu erarbeiten, welches Beleuchtung, Farbgebung, Innendekoration wie auch Transportmöglichkeiten und Sicherheit thematisierte. Der blühenden Ägyptomanie entsprechend, die in Europa Einzug gehalten hatte, sah Passalacqua ein Gebäude mit ägyptisierenden Elementen vor.

Auch die Dekoration der Räume sollte auf die in ihnen ausgestellten Objekte Bezug nehmen, ohne sie jedoch mit frischen, kräftigen Farben zu überstrahlen und damit in den Hintergrund zu drängen. Passalacqua empfahl, einen starken Fokus auf die Strahlkraft der originalen Artefakte zu legen und bat den damaligen Generaldirektor von Olfers darum, seine Entwürfe dem König vorzulegen. Persönlich finanziert und hochwertig gedruckt, legte Passalacqua seinen Entwurf 1843 vor.

Mittlerer Sarg des Mentuhotep (Mittleres Reich, 2119 v. Chr. bis 1794 v. Chr., Theben-West © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / S. Steiß
Mittlerer Sarg des Mentuhotep (Mittleres Reich, 2119 v. Chr. bis 1794 v. Chr., Theben-West) © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / S. Steiß

In seinen Ausführungen betont er: „Ich wage zu glauben und zu behaupten, daß Eure Exzellenz in diesem Falle dem schönen Berlin eine neue Zierde verschaffen werde, wie sie keine andere Hauptstadt Europas in diesem Maße aufzuweisen hat.“ Eine Realisierung seiner Entwürfe sollte jedoch nie erfolgen. Ab dem Jahr 1855 wurde Passalacqua ein Mitdirektor zugeteilt: Carl Richard Lepsius – gelehrter Ägyptologe und beliebt bei Hofe –, der letztlich seine ganz eigenen, abweichenden Vorstellungen hinsichtlich eines adäquaten Museumsbaus, Innendekoration und Aufstellung der Altertümer durchsetzte.

Zwischen Büro und Salon
Seine persönlichen Studien setzte Passalacqua auch als Direktor weiter fort. Fasziniert vom Alten Ägypten und seiner Schrift eignete er sich sogar ein begrenztes Wissen der Hieroglyphen an und führte die Berliner Papyri, die sich zu der Zeit noch in der Königlichen Bibliothek befanden, zurück in die Ägyptische Sammlung, wo sie ab 1835 im eigens eingerichteten Papyrussaal präsentiert wurden.

Statuette des Mentuhotep (Mittleres Reich, 2119 v. Chr. bis 1794 v. Chr., Theben-West© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / S. Steiß
Statuette des Mentuhotep (Mittleres Reich, 2119 v. Chr. bis 1794 v. Chr., Theben-West) © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / S. Steiß

Obgleich Passalacqua ein reiches und erfülltes Arbeitsleben pflegte, indem er sich um die sukzessiven Ankäufe weiterer ergänzender Sammlungskonvolute kümmerte und die stete Verbesserung und Anpassung der Objektaufstellung vornahm, kannten Zeitgenossen wie der Berliner Ägyptologe und Sprachforscher Heinrich Brugsch, den Passalacqua bei seinen Forschungen maßgeblich unterstützte, ihn als offenen und kommunikativen Menschen, der seine freie Zeit in den Berliner Salons verbrachte oder mit Spaziergängen durch seine Wahlheimat. Auf dem Berliner St. Hedwig-Friedhof an der Liesenstraße wurde der am 18. April 1865 verstorbene Giuseppe Passalacqua schließlich zur letzten Ruhe gebettet.

Die Nachwelt, insbesondere die wissenschaftliche Ägyptologie, neigte lange dazu, in Giuseppe Passalacqua lediglich einen geschäftstüchtigen, enthusiastischen Autodidakten zu sehen. Das Neue Museum verdankt jedoch der Hingabe und Beharrlichkeit gerade dieses ersten Direktors seine Existenz auf der Museumsinsel sowie seine unvergleichliche Objektvielfalt, die bereits 1842 zu einem Besuchermagnet wurde (rund 13.200 Besucher!) und auch weiterhin eine Stätte der Kunst, Kultur und der Begegnung bleiben wird.

Passalacquas Entwurfszeichnung für die Innenausstattung des Neuen Museums von 1841 © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin, Dokumentenarchiv
Passalacquas Entwurfszeichnung für die Innenausstattung des Neuen Museums von 1841
© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin, Dokumentenarchiv

1 Kommentar

Beitrag kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *