Museum trifft Lexikon: Wikipedia zu Gast im MEK

Museen vermitteln Wissen. Wikipedia – das sind die anderen. Oder? Dass Wikipedianer*innen und Museen am gleichen Strang ziehen können, bewies ein Event unter dem Titel „Wiki goes MEK 2.0“ in Dahlem.

Text: Jana Wittenzellner

Seit 2001 erobert das Online-Lexikon Wikipedia das Netz. Inzwischen hat die Plattform mehr als 49 Millionen Artikel in 295 Sprachen und wird täglich auf der ganzen Welt genutzt. Doch wie kommen die unabhängigen Autor*innen des Lexikons an ihre Informationen? Im Fall des Museums Europäischer Kulturen (MEK) höchstpersönlich: Ende 2018 waren Wikipedianerinnen und Wikipedianer bereits zum zweiten Mal zu Gast in dem Haus. Ein ganzes Wochenende lang konnten sich die Autor*innen mit dem MEK vertraut machen, erhielten Einblicke in die Ausstellungen, Depots und Arbeitsweise des Hauses. Rund 15 Wikipedianer*innen nutzten diese Gelegenheit – einige von ihnen bereits zum zweiten Mal. Der Besuch war Teil der „GLAM“-Kooperation zwischen dem MEK und Wikimedia Deutschland. GLAM steht für Galerien, Bibliotheken (Libraries), Archive und Museen.

Das MEK im Herbst 2018 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen/Christian Krug
Das MEK im Herbst 2018 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen/Christian Krug

Elisabeth Tietmeyer, die Direktorin des MEK, nahm die Gäste in Empfang und begleitete das gesamte Wochenende. „Wikipedia ist heute eine extrem wichtige Informationsquelle für viele Menschen, deswegen sind wir sehr froh über die Gelegenheit, den Autorinnen und Autoren einen Blick hinter die Kulissen unseres Hauses zu ermöglichen“, sagte die Ethnologin. Während im letzten Jahr die Dauerausstellung sowie die Depots im Fokus des Events standen, wurde das Wochenende in diesem Jahr mit Führungen durch die aktuellen Sonderausstellungen „Hochzeitsträume“ und „Sterne – nicht nur zur Weihnachtszeit“ eingeläutet.

Sonderausstellung „Hochzeitsträume“ © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen/Christian Krug
Sonderausstellung „Hochzeitsträume“ © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen/Christian Krug

Um den Wikipedianer*innen einen exklusiven Zugang zur Sammlung des Museums zu bieten, wurden auch Objekte hervorgeholt, die normalerweise im Depot verborgen sind. Der Schwerpunkt lag diesmal auf Dingen aus dem Sammlungsbestand „Schreibgeräte“. Neben Alltagsgegenständen wie Bleistiften und Tafelkreide waren dies auch alte Schreibmaschinen, Tintenfässer, Siegelwachs und Briefbeschwerer. Die Lexikon-Autor*innen stürzten sich mit großem Interesse auf diesen Querschnitt europäischer Alltagskultur – und lernten dabei auch ungewöhnliche Werkzeuge kennen. Wer wüsste schon auf Anhieb, was ein Federwischer ist?

Federwischer in Gestalt eines Fuchses mit Bürste zum Abstreichen der Schreibfedern, Leipzig, um 1900. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen/Michael Mohr
Federwischer in Gestalt eines Fuchses mit Bürste zum Abstreichen der Schreibfedern, Leipzig, um 1900. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen/Michael Mohr

Im Team der Wikipedianer*innen waren auch Fotografen dabei, die nun fleißig Fotos für das Online-Lexikon erstellten. Einen Raum weiter wurde derweil gescannt: Die Warenhauskataloge werden normalerweise in Sammelmappen aufbewahrt, nicht einmal ihr Cover ist zu sehen. Nun kamen Firmenkataloge für Rohre und Tischerlerbedarf ans Licht, Angebote aus dem Bereich „Elektrische Haustelegraphen, Fernsprech-Apparate, Sprachrohr- u. Blitzableiter-Materialien“ sowie Fest- und Scherzartikel.

Musterkatalog für Festartikel der Firma Chrestensen, Erfurt, 1927.
Musterkatalog für Festartikel der Firma Chrestensen, Erfurt, 1927.

Damit es nicht nur bei der oberflächlichen Betrachtung blieb, stand während des Besuchs ein umfangreicher Handapparat zur Verfügung. Er umfasste Bücher zu den Themen der Sonderausstellungen, zu den Sammlungen des Hauses und einzelnen Themen, die im Fokus der Arbeit des MEK stehen: nämlich der Alltagskultur und den Lebensweisen der Menschen in Europa vom 18. Jahrhundert bis heute. Ein Objekt wie der Schläger des baskischen Pelota-Spiels wurde so gleich eingeordnet und – um Hintergrundinformationen ergänzt – in den Wikipedia-Artikel über die Basken eingebaut. „Es ist spannend, dabei zuzusehen, wie das Wissen aus unserer Sammlung seinen Weg in neue mediale Formate findet“, sagte die Kuratorin Jana Wittenzellner.

Pelota-Schläger mit Ball, Spanien, 1. Hälfte 20. Jh. Foto von GodeNehler - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
Pelota-Schläger mit Ball, Spanien, 1. Hälfte 20. Jh. Foto von GodeNehler – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Profitiert haben von dem gemeinsamen Wochenende am Ende alle: Über Wikipedia finden die Objekte und Themen des MEK eine breitere Öffentlichkeit, gleichzeitig bereichert und erweitert das Wissen, das im Haus vorhanden ist, bestehende Artikel. Auch ganze neue Beiträge kamen dabei zustande: Im letzten Jahr entstanden Artikel zu der Skulptur „Conchita Wurst auf der Mondsichel“ oder der venezianischen Gondel, die beide in der Dauerausstellung zu sehen sind. Und seit dem letzten Treffen gibt es einen eigenen Artikel zum Mechanischen Weihnachtsberg aus dem Erzgebirge, einem weiteren Highlight des MEK.

Mixbecher, Deutschland, 1950er-Jahre. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen
Mixbecher, Deutschland, 1950er-Jahre. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen

Doch der Wissenstransfer funktionierte an diesem Wochenende in beide Richtungen, denn das Team des MEK lernte auch neues über ein eigenes Objekt. Eine Zitronenpresse im Becher wurde nämlich nicht nur zum Auspressen von Zitronensaft genutzt. Vor allem handelt es sich dabei um einen Schüttelbecher, etwa zum Mischen von Salatsoße mit Zitronensaft. Die Messstriche und ein zusätzliches Becherchen deuteten bereits darauf hin – aber manchmal braucht man eben den Blick von außen, um den Wald zwischen vielen Bäumen ausfindig zu machen.

Wikipedianer*innen und Mitarbeiter*innen des MEK vor dem Verwaltungsgebäude. Foto von Ansgar Wernst – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
Wikipedianer*innen und Mitarbeiter*innen des MEK vor dem Verwaltungsgebäude. Foto von Ansgar Wernst – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

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