Altes Ägypten: Die Schätze des Krokodils mit Falkenkopf

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: vor 2000 Jahren wurde in den Tempeln des griechisch-römischen Ägypten sehr genau Buch geführt.

Text: Marius Gerhardt

Kurz bevor das Neue Museum in der Corona-Krise zum Schutz von Besuchern und Mitarbeitern seine Pforten schließen musste, wurde im Mythologischen Saal (Raum 1.11) eine Vitrine neu eingerichtet. Dies geschah im Zuge der Veranstaltungsreihe „Ägyptische Götter und ihre Kulte“, die im Jahr 2020 durch das Ägyptische Museum und Papyrussammlung und den Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums e.V. ausgerichtet wird. Dabei werden u.a. monatlich ausgewählte Objekte der Sammlung mit Bezug zu einer ägyptischen Gottheit vorgestellt. Die Vitrine widmet sich dem Betrieb in einem Tempels, in dem eine ganz besondere Gottheit verehrt wurde: ein Krokodil mit Falkenkopf.

Statuette eines Krokodils mit Falkenkopf (Soknopaios), Ägypten, Griechisch-Römische Zeit, 332 v.Chr.–313 n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Jürgen Liepe
Statuette eines Krokodils mit Falkenkopf (Soknopaios), Ägypten, Griechisch-Römische Zeit, 332 v.Chr.–313 n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Jürgen Liepe

In dieser Mischgestalt tritt uns vor allem in griechisch-römischer Zeit eine Erscheinungsform des ägyptischen Krokodilgottes Sobek entgegen, wie er unter dem Namen Soknopaios als Orakel- und Heilgott in vielen Orten in der Faijûmoase, südwestlich des heutigen Kairo, verehrt wurde. Sein Name bedeutet „Sobek, Herr der Insel“. Sein Hauptkultort war Soknopaiu Nesos – die Insel des Soknopaios – am Nordrand des Faijûm. Dort stand der bedeutendste Tempel, der diesem Gott gewidmet war. Es haben sich nicht nur beeindruckende Reste der Tempelanlage erhalten, sondern auch unzählige Texte auf Papyrus, die Einblicke in die Arbeit dieses Heiligtums und seiner Priester geben. Darunter befinden sich auch einige Texte wie das hier präsentierte, fragmentarisch auf Papyrus erhaltene Inventar über den Besitz dieses Tempels – die „Schätze des Soknopaios“.

Inventar des Soknopaios-Tempels, Soknopaiu Nesos / Faijûm (Ägypten), 161–169 oder 177–180 n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 7083, URL: http://berlpap.smb.museum/01945/
Inventar des Soknopaios-Tempels, Soknopaiu Nesos / Faijûm (Ägypten), 161–169 oder 177–180 n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 7083, URL: http://berlpap.smb.museum/01945/

Vom ursprünglichen Text haben sich Reste von zwei Kolumnen erhalten. Die erste Kolumne enthält die Zeilenenden des Anfangs dieses Inventars, die sich aber mit Hilfe ähnlicher Texte gut rekonstruieren lassen. Hier werden die Priester namentlich genannt, die dieses Inventar einreichen. Zudem enthält die Einleitung das Datum, an dem das Inventar erstellt und eingereicht wurde. Leider haben sich von dieser Datierungsformel nur zwei Wörter erhalten. Da aus diesen aber abzulesen ist, dass zum Zeitpunkt der Niederschrift des Textes zwei römische Kaiser gemeinsam regiert haben, lässt sich der Text in den Zeitraum 161–169 n. Chr. (Marc Aurel und Lucius Verus) oder 177–180 n. Chr. (Marc Aurel und Commodus) datieren.

Statuette eines schreitenden Ibisses, Spätzeit, 664–332 v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Jürgen Liepe
Statuette eines schreitenden Ibisses, Spätzeit, 664–332 v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Jürgen Liepe

Auf die Einleitung folgt die eigentliche Liste, die detailliert die Objekte beinhaltet, die sich im Heiligtum befanden. Dabei handelte es sich nicht um den gesamten Besitz, sondern lediglich um die Kultgegenstände. Dazu zählen u.a. mehrere Schreine aus Holz, die vergoldet oder versilbert oder mit Bronze beschlagen und zum Teil sogar versiegelt waren. Hinzu kommen aus Bronze oder Silber gefertigte Statuen, Statuetten und Büsten von Göttern und Tieren (z.B. Löwen und Ibisse), aber auch rituelle Gerätschaften wie Leuchter und Räuchergefäße und für den Kult benötigtes Geschirr – darunter mehrere so genannte Bes-Gefäße, die mit dem Fratzengesicht der ägyptischen Schutzgottheit Bes verziert sind. Zu allen aufgelisteten Gegenständen wird das Material und mitunter auch das Gewicht angegeben.

Warum mussten die Priester solche Inventare an die römischen Behörden einreichen? Noch in der ptolemäischen Zeit (332–30 v. Chr.) hatten die ägyptischen Heiligtümer und ihre Priester großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss, großen Reichtum und waren weitgehend frei von staatlichen Zwängen. Mit dem Beginn der römischen Herrschaft ab 30 v. Chr. wurden sie politisch und wirtschaftlich entmachtet und einer scharfen administrativen Kontrolle unterstellt. Jeweils zum Jahresende mussten die Priester den römischen Behörden verschiedene Verzeichnisse über das Tempelpersonal, Inventare über den Besitz des Tempels und Berichte über ihre Einnahmen und Ausgaben des Tempels übergeben. Um ein solches Inventar handelt es sich auch bei dem hier besprochenen Text. Damit wurde die Vollständigkeit der Kultgegenstände überprüft.

Begleitschreiben eines Tempelinventars, Soknopaiu Nesos / Faijûm (Ägypten), 220 n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 6972, URL: http://berlpap.smb.museum/01847/
Begleitschreiben eines Tempelinventars, Soknopaiu Nesos / Faijûm (Ägypten), 220 n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 6972, URL: http://berlpap.smb.museum/01847/

Solche Inventarverzeichnisse waren mit Begleitschreiben versehen. Ein Beispiel, das zu einem späteren Verzeichnis aus dem Jahr 220 n. Chr. gehört, befindet sich in der Berliner Papyrussammlung. Die fehlende Ecke rechts unten wird heute in der Wiener Papyrussammlung aufbewahrt. Deutlich zu erkennen ist am Ende des Dokuments die Empfangsbestätigung des Königlichen Schreibers, eines hohen Verwaltungsbeamten, an den das Schreiben und die Inventarliste adressiert sind.

Diese Funde zeigen, dass das römisch-griechische Ägypten bereits nach einer Maxime regiert wurde, die bis heute vielerorts gilt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

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