Arahmaianis “Flag Project” am Hamburger Bahnhof

Die indonesische Künstlerin Arahmaiani hat auf der ganzen Welt Begriffe menschlichen Zusammenlebens gesammelt. In einer Performance im Hamburger Bahnhof stellt sie das Ergebnis vor und regt zur Diskussion über Toleranz und Kooperation an.

Text: Derya Yüksel

Freiheit, Liebe, Erde, Wasser, Weisheit, Glück – diese und weitere Begriffe hat die indonesische Künstlerin Arahmaiani Feisal in den letzten 28 Jahren in der ganzen Welt gesammelt. Die Schlüsselwörter symbolisieren die Vielfalt der Menschheit und sind durch Dialoge und Diskussionen mit Gemeinschaften in vielen Länder entstanden. Arahmaiani lebte seit 2006 als Reisende, für ihr nachhaltiges Kunstwerk „Flag Project“ traf sie Menschen, die sich in ihren Kulturen und Religionen unterscheiden. Arahmaiani betrachtet sie als Reichtum und lernte, sie zu tolerieren und respektieren, in der Hoffnung, das Studieren und Entwickeln kollektiver Kreativität zu fördern.

Heute wird das globale Projekt als Gemeinschaftsprojekt in Australien, Belgien, China, Deutschland, Indonesien, Japan, Malaysia, den Philippinen, Singapur, Tibet und Thailand durchgeführt.
Die zentrale Frage Arahmaianis ist: Wie ermutigt man Gemeinschaften oder einzelne Menschen, sich für eine offenere, demokratischere und tolerantere Gesellschaft einzusetzen? Ihre partizipative und aktive Kunst regt ihr Publikum zum Nachdenken an, um Probleme auf globaler Ebene zu lösen und Respekt und Toleranz auf persönlicher Ebene zu fördern.

Vor der Performance: Die Vorbereitungen und Proben

Mit ihrem Projekt war die Künstlerin auch im Hamburger Bahnhof zu Gast. Anlässlich der Tagung „Embodied Histories – Entangled Communities. Southeast Asian and Western Approaches to Narratives and Performance Art“, am 13. und 14. Juni kamen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus Südostasien zusammen, um über neue Formen und Perspektiven des Geschichtenerzählens durch performative Kunst zu berichten. Ein guter Anlass, um Arahmaianis Performance zu zeigen. Teilnehmer*innen der Performance fanden durch einen Open Call zusammen. Der eigentlichen Performance ging zwei Tage zuvor ein Rehearsal vor Ort voraus. Bei den Proben stellte Arahmaiani der jungen Gruppe ihr Gemeinschaftsprojekt vor.

Dabei ging sie unter anderem auf die Schlüsselwörter ein, die auf den Flaggen aufgenäht sind. Neben den Begriffen sind auf einigen Flaggen Sätze wie „Hand in Hand“ oder „Don’t Be Arrogant“ aufgenäht. Die Begriffe und Wörter zeigen, was in jeder Gemeinschaft das Hauptanliegen ist. Allen Gemeinschaften sei bisher gemeinsam, dass sie mit Umweltproblemen zu kämpfen hätten, sagt Arahmaiani. Die Flaggen selbst wurden von muslimischen Näherinnen in einem Dorf in der Sonderregion von Yogyakarta, Indonesien hergestellt. Die 30 großen, bunten Flaggen, die bei der Performance verwendet wurden, wurden von den Teilnehmer*innen während der Rehearsals an Bambusstangen befestigt. Die Schlüsselwörter sind in verschiedenen Sprachen und Skripten geschrieben.

Foto: Charlotte Heimann
Foto: Charlotte Heimann

Die Performance beginnt

Die Fahnenträger*innen marschierten zunächst ohne Musik um den Innenhof des Hamburger Bahnhofs – dabei führte Arahmaiani die 21 Teilnehmenden an. Wieder zurück an den Treppen angelangt, stellten sich alle an eine vorher bestimmte Position und bildeten zwei Reihen auf der Eingangstreppe. Als schließlich die Musik abgespielt wurde, begann Arahmaiani, in der Mitte des Innenhofs eine Flagge zu schwingen. Nacheinander traten alle Teilnehmer*innen in die Mitte des Innenhofs und wedelten ihre Flaggen zu indonesischer Hip-Hop Musik. Durch das unterschiedliche Schwingen und die unterschiedliche Dauer machte jede*r Teilnehmende seine eigene Performance daraus.

Nachdem alle Teilnehmenden einmal dran gewesen waren, positionierten sie sich links und rechts von der Innenhoffläche und die Musik wechselte. Der zweite Teil der Performance wurde wieder von Arahmaiani eröffnet. Alleine wedelte sie mit ihrer Flagge auf der Fläche. Schließlich waren die anderen Teilnehmenden an der Reihe: sie bildeten Paare und schwangen die Flaggen einander gegenüberstehend, um miteinander zu interagieren und einen Dialog zu schaffen. Im dritten Teil der Performance formten die Beteiligten, die Flaggen aufrechthaltend, einen Kreis auf der Fläche. So endete die Performance.

Foto: Derya Yüksel
Foto: Derya Yüksel
Foto: Derya Yüksel
Foto: Derya Yüksel
Foto: Derya Yüksel
Foto: Derya Yüksel

Die Performance mit Arahmaianis Flaggen ist ein Beispiel für das Ergebnis gemeinsamer Arbeit. Der Dialog, der durch die künstlerische Praxis der Einzelnen innerhalb der Gruppe und durch die Interaktion als Paare untereinander entsteht, erzeugt nicht nur bei den Teilnehmenden, sondern auch beim Publikum ein Gefühl des Zusammenhalts – so wie Arahmaiani es sich als alternative, kreative Methode zur Lösung von Problemen vorgestellt hatte. Die Kuratorinnen der Konferenz freuten sich auch insbesondere deshalb über die Zusage von Arahamaiani, da ihre Arbeit stark mit den Gedanken von Joseph Beuys korrespondiert, der mit großen Werken im Hamburger Bahnhof vertreten ist. Beuys‘ Idee der „Sozialen Plastik“ basiert ebenfalls auf der Annahme, dass jede*r einzelne kreativ an der Gestaltung der Gemeinschaft mitwirkt. Zudem ist auch die Teamarbeit zwischen den beteiligten Kuratorinnen Gridthiya Gaweewong, Anna-Catharina Gebbers, Grace Samboh, Siuli Tan und June Yap eine soziale Plastik, da sie sehr intensiv diskutieren, welche Werte für sie und ihre jeweiligen Gesellschaften entscheidend sind.

Embodied Histories – Entangled Communities. Southeast Asian and Western Approaches to Narratives and Performance Art“ war eine Kooperation des Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin mit dem Exzellenzcluster 2020 „Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective“ der Freien Universität Berlin und wurde durch die Unterstützung des Goethe-Instituts Südostasien ermöglicht.
Das Konferenz- und Performanceprogramm wurde entwickelt von Gridthiya Gaweewong (Jim Thompson Art Center, Bangkok, MAIIAM, Chiang Mai), Anna-Catharina Gebbers (Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin), Grace Samboh (Wissenschaftlerin, Kuratorin, Yogyakarta), Siuli Tan und June Yap (Singapore Art Museum) in Zusammenarbeit mit Kirsten Maar (Institut für Tanzwissenschaft, Freie Universität Berlin) und Annette Jael Lehmann (Institut für Theaterwissenschaft und Exzellenzcluster „Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective“, Freie Universität Berlin).

Projektteam:
Transfer Unit of the Cluster of Excellence 2020 “Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective”: Petra Wodtke; Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin: Alexander Wilmschen (Projektassistenz), Derya Aksoy, Charlotte Heimann (Praktikantinnen Wissenschaftliche Mitarbeiter) + Stella Becker, Noa Sehring (Praktikantinnen Restaurierung); Goethe-Insitut Indonesien: Anna Maria Strauß (Leiterin Kulturprogramme), Maya (Programmkoordinatorin); Video-Dokumentation: Art/Beats

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