#CollectingCorona: Ein Sammlungsaufruf des Museums Europäischer Kulturen

Das Coronavirus beschäftigt derzeit alle Menschen – doch das Team des Museums Europäischer Kulturen (MEK) arbeitet bereits daran, diese ungewöhnliche Situation für zukünftige Generationen in der Sammlung des Hauses zu dokumentieren. Kuratorin Judith Schühle erklärt, welche Eindrücke und Zeitdokumente ihr in diesen Tagen begegnen.

Text: Judith Schühle

„Seit zwei Tagen haben wir eine zunehmende Zahl von Grippekranken; es handelt sich scheinbar um dieselben Fälle wie in Spanien, es ist daher auch gleich der Name ‚span. Krankheit‘ geprägt worden.“ Bei der Neuaufnahme von Fotoalben und Tagebüchern in die Sammlung des Museums Europäischer Kulturen fiel mir vor zwei Wochen dieser Satz direkt ins Auge. Eugen Frey, ein junger Arzt aus Baden, der während des ersten Weltkriegs unter anderem in Belgien, Frankreich, Bulgarien und Mazedonien als Soldat medizinischen Dienst leistete, hatte dies am 15. Juni 1918 in seinem Tagebuch vermerkt.

Auszug aus dem Tagebuch von Eugen Frey, © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle
Auszug aus dem Tagebuch von Eugen Frey, © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle

Das Zitat zeigt, wie schnell die Grippepandemie von 1918 mit 500 Millionen Erkrankten weltweit als „spanische Grippe“ bezeichnet wurde. Auch wenn heute längst bekannt ist, dass diese Grippe ihren Ursprung nicht in Spanien hatte, ist dieses Zeugnis wichtig: Es zeigt, dass Menschen damals und heute dazu neigen, einen Virus als etwas Fremdes darzustellen, als eine Bedrohung von außen.
Für Kurator*innen in Museen der Alltagskultur wie dem MEK sind solche persönlichen Zeugnisse und Eindrücke sehr wichtig, denn sie geben private Einblicke darin, wie Menschen Pandemien einordnen und mit diesen umgehen. Um dabei nicht mehr ausschließlich auf solche Zufallsfunde wie jenen Tagebucheintrag angewiesen zu sein, startete das MEK über seine Social Media Kanäle am Anfang der Corona-Pandemie im März 2020 einen Aufruf: Menschen in ganz Europa werden gebeten, Fotos, Videos und Eindrücke an das Museum einzusenden, um für zukünftige Generationen in der Museumssammlung zu dokumentieren, wie sich ihr Alltag durch die Corona-Pandemie verändert.

Als Kuratorin begann ich, zuerst auf die Veränderungen in meiner eigenen Umgebung in Berlin zu achten. Plötzlich waren die Straßen auch bei Sonnenschein leer, schließlich sollte man zu Hause bleiben und keine Freund*innen und Verwandten treffen. Um dennoch einen Gruß an ihre Großmutter zu senden, malten Kinder eine große „Liebesbotschaft“ auf den Gehsteig, die auch aus höheren Etagen gut auf Distanz zu lesen war.

Street-Art in Zeiten von Corona © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle
Street-Art in Zeiten von Corona © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle

Im Supermarkt trat gähnende Leere an die Stelle voller Mehl-, Nudel- und Toilettenpapierregale. Trockenhefe, ein Lebensmittel, das normalerweise eher als Ladenhüter bekannt ist, war plötzlich tagelang in keinem Supermarkt zu finden.

Lücken im System © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle
Lücken im System © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle

Aber auch unscheinbarere Veränderungen waren zu sehen. Plötzlich klebten an Fensterscheiben, Stromkästen und Laternenmasten im gesamten Kiez kleine Zettel, die ein selbstproduziertes (und äußerst fragwürdiges) Desinfektionsmittel nach einer Rezeptur des „Weltgesundheitsamts“ (das in Wirklichkeit nicht existiert), vermarkteten.

Keine große Hilfe © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle
Keine große Hilfe © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle

Ein Gabenzaun entstand über Nacht in der Nähe einer S-Bahnstation. Dort konnten Lebensmittel und Kleidung für Menschen, die auf der Straße leben, angebracht werden. In verschiedenen Sprachen boten so Berliner*innen jenen Mitmenschen ihre Spenden an, die besonders darunter litten, dass auch Hilfsorganisationen ihre normalen Angebote einstellen mussten. Dabei fiel mir auch auf, wie sich mein Wortschatz durch die Corona-Pandemie erweiterte – Gabenzaun zum Beispiel, aber auch N95 – ein einfacher Mundschutz oder FFP2 – ein anderer Mundschutz. Noch vor wenigen Wochen hätte ich nicht gewusst, was sie bedeuten.

Am Gabenzaun © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle
Am Gabenzaun © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Judith Schühle

Es dauerte jedoch nicht lange, bis uns auch die ersten Einsendungen von Fotos und Eindrücken aus ganz Europa erreichten.

Neue Normalität?

In manchen Fotos und Gedanken spiegelte sich der veränderte Alltag wieder. So empfand Angela aus Berlin, dass sich der Alltag nun „zwischen den Linien“ abspielt: Die meiste Zeit zu Hause verbringend, wurde ihr Blick aus dem Fenster ihre neue Normalität. Zwischen den Linien aus Fenstern und Häusern spielt sich nun das Leben der Menschen ab, obwohl der Frühling nach draußen lockt.

Zwischen den Linien © Angela Zavattieri
Zwischen den Linien © Angela Zavattieri

Auch Anna Giulia aus Italien berichtet von einer neuen Normalität: 29 Tage lang brachten ihr Freunde, Verkäuferinnen und Freiwillige des Roten Kreuzes ihre Einkäufe nach Hause, da sie die Wohnung nicht verlassen sollte.

La Spesa © Anna Guilia Cavagna
La Spesa © Anna Guilia Cavagna
La Spesa © Anna Guilia Cavagna
La Spesa © Anna Guilia Cavagna

Die Mutter von Flip schließlich sandte ein Kunstwerk ihres Sohnes ein. Dieser war untröstlich darüber, dass sein heiß ersehntes Fest zu seinem siebten Geburtstag nicht stattfinden konnte. Wenn es Erwachsenen schwer fällt, die neue Normalität mit all ihren Einschränkungen zu akzeptieren, wie muss es dann erst einem Kind ergehen? Flip setzte seine Wut in Kreativität um – sein gemaltes Coronavirus spricht sicherlich nicht nur ihm aus dem Herzen.

Das böse Virus © Maartje van Hoek
Das böse Virus © Maartje van Hoek

Trauer

Besonders berühren jene Impressionen, die zeigen, wie Menschen in Zeiten von Corona trauern. So berichtet Lindsay, wie schwer es fällt, einen geliebten Menschen zu verlieren, ohne Abschied nehmen zu können, da es keine Flüge mehr gibt, die eine Heimreise in die USA ermöglichen und das Trauern ohne die Trost spendenden Rituale ein Zustand ohne Abschluss darstellt. Ein Osterei, gedacht als Geschenk, zerbrochen in einem hektischen Moment, steht für sie symbolisch für die Trauer um ihre Großmutter.

Broken © Lindsay Taylor
Broken © Lindsay Taylor

Und Carla, Studierende aus Leipzig, berichtet vom Verzicht, die Beerdigung ihrer Großmutter in Süddeutschland zu besuchen, um ihren Großvater nicht durch eine potentielle Ansteckung zu gefährden. Sich nah sein ohne sich nahe sein zu können, eine private Ausnahmesituation im Rahmen einer globalen Ausnahmesituation zu erfahren, auch das bedeutet die Corona-Krise.

Hoffnung

Aber auch Einblicke der Hoffnung zeigen die Fotos und Gedanken der Menschen in Europa. Regenbögen aus Italien, aus England, aus Deutschland erreichen uns. Als Zeichen für Sonnenschein nach heftigem Regen sind sie seit jeher ein farbenfrohes Symbol der Hoffnung. Und auch in der Corona-Krise wurden sie schnell zur Mut machenden Botschaft aus der Isolation in den eigenen vier Wänden nach draußen. In ganz Europa zieren sie gerade Straßen und Fenster und lassen hoffen, dass „tutto andrá bene“, dass alles gut werden wird.

Tutto andrá bene © Magda Buchczyk
Tutto andrá bene © Magda Buchczyk
Hoffnung © Martina Schulte
Hoffnung © Martina Schulte

Bleibt alles anders?

Und auch das zeigt die Corona-Pandemie: Nicht alles bleibt anders. Schlechte Angewohnheiten haben auch in der Krise bestand. So schickte Stein Farstadvoll aus Norwegen, ein Forscher im Unruly Heritage Projekt Fotos von Fläschchen mit Handdesinfektionsmittel ein: Unachtsam weggeworfen landen sie als Plastikmüll am Strand vor Tromsø. So schlägt sich die Coronapandemie nicht nur im Alltag der Menschen in Europa nieder, sondern auch in der Zusammensetzung der durch sie verursachten Umweltverschmutzung.

Was übrig bleibt © Stein Farstadvoll
Was übrig bleibt © Stein Farstadvoll

Das Projekt #CollectingCorona des Museums Europäischer Kulturen geht weiter. Senden auch Sie Fotos, Gedanken, Videos – egal in welcher Sprache – an mek@smb.spk-berlin.de. Alle Einsendungen werden Teil eines Sammlungskonvoluts zur Corona-Pandemie und ermöglichen so, für zukünftige Generationen zu dokumentieren, wie die Pandemie den Alltag der Menschen in Europa beeinflusst.

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