Diesen Herbst kommen die Mongolen nach Berlin! Kurator Anton Gass aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte erklärt, welches Erbe Dschingis Khan der Nachwelt hinterlassen hat und was Besuchende in der Ausstellung ab Oktober erwartet.
Interview: Sven Stienen
Im Oktober 2026 startet die Ausstellung „Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“ in der James-Simon-Galerie. Was erwartet die Besuchenden?
Anton Gass: Die Besuchenden erwartet ein Rundgang durch die Welt der Mongolen im 13. Jahrhundert. Gleich am Anfang holen wir die Besuchenden quasi „zuhause“ ab: Die Mongolen standen im 13. Jahrhundert vor der Haustür Berlins. Nach dem Tod Dschingis Khans wurde seine Vision eines großen Reiches von seinen Kindern und Enkelkindern weiterverfolgt und führte zum sogenannten Weststurm: Als die mongolischen Reiter gegen Westen geritten sind, kamen sie bis Breslau, rund 200 Kilometer östlich von Berlin. Hier liegt das Schlachtfeld von Liegnitz, wo 1241 eine große Schlacht stattfand, in der die mongolischen Reiter ein deutsch-polnisches Heer besiegten. Wir zeigen also: Die Mongolen hätten um ein Haar auch Berlin erobert und dann wäre die Geschichte unserer Stadt vielleicht ganz anders verlaufen. Mit dieser Botschaft rüsten wir die Besucherinnen und Besucher für eine Reise durch die Geschichte der Mongolen und Dschingis Khans aus.
Wie geht es dann weiter in der Ausstellung?
AG: Nach diesem ersten Aha-Moment gehen wir darauf ein, wie die Europäer des 13. Jahrhunderts die Mongolen gesehen haben. Für die Menschen hier waren sie wilde Barbaren, die ganz fremd aussahen, eine Sprache sprachen, die niemand verstand, und auch eine nomadische Lebensweise führten, die in Mitteleuropa zu dem Zeitpunkt längst vergessen war. Hier war die Bevölkerung bereits seit tausenden Jahren sesshaft. Es trafen also zwei Welten aufeinander, sodass diese fremde, unbekannte Macht unter den Europäern per se schon Angst verbreitete. Dazu kamen militärische Auseinandersetzungen, bei denen die mongolische Armee tatsächlich sehr brutal vorging, sodass insgesamt ein sehr negatives Bild entstand. Dieses Bild ist in vielen Köpfen heute immer noch vorhanden.
Wie wollen Sie es in der Ausstellung schaffen, die anderen Aspekte der mongolischen Kultur und Zeit wie Verwaltung, Diplomatie und Handel zu zeigen?
AG: Damit werden die Besuchenden dann in weiteren Räumen konfrontiert. Nachdem sie zuerst das Schlachtgetümmel gesehen haben, wollen wir die Medaille auch von der anderen Seite betrachten und beziehen uns dabei auf die deutsche archäologische Tätigkeit in der Mongolei, die seit 25 Jahren läuft. Ausgehend von den tatsächlichen Befunden, werden wir die mongolische Welt präsentieren. Die Reise beginnt mit einer Rekonstruktion eines Grabes, das noch vor dem Khan in der Mongolei errichtet wurde. Die Besuchenden lernen die Bestattungsriten kennen und treten dann hinaus in die weite Landschaft der Mongolei, in die Steppe, wo es hell und ruhig ist.
Dort lernt man dann die „echten“ Mongolen kennen?
Zuerst gehen wir auf die Vorgeschichte der Mongolen ein und schauen, wie das mongolische Volk eigentlich entstanden ist. Wir schauen uns die Vorläuferzivilisationen an, beginnend im 6. und 7. Jahrhundert mit der frühtürkischen Zeit, wo wir einige ausgewählte Fundorte präsentieren, gefolgt von den nachfolgenden Reichen der Uiguren und deren Staatenbildung. Wir zeigen jeweils einzelne Facetten: Grabkult, Kultplätze, Städtebau und mehr, die dazu führten, dass die mongolische Stammeskonföderation entstand.
Die Mongolen haben also gar nicht alles selbst erfunden, sondern teilweise auf Bestehendes zurückgegriffen?
Die Mongolen haben viele Dinge bereits vorgefunden. Sie waren allerdings zerstritten, und der große Verdienst von Dschingis Khan war, dass er die verschiedenen Gruppen vereinigte. Seitdem gab es nicht mehr Hunderte von Stämmen, sondern es gab ein Volk: Mongolen, die sich als solche verstanden. Das war für das 13. Jahrhundert ein starkes Erfolgsrezept, dadurch konnten die Mongolen so viel erreichen und die Kraft freisetzen, um die mittelalterliche Welt zu erschüttern.
Heute verbindet man mit der Mongolei vor allem Jurten und das Nomadenleben. Hat das auch bei Dschingis Khan schon eine Rolle gespielt?
AG: Die Jurte gilt bis heute als Symbol für die Mongolei und wir werden auch ganz zentral eine Jurte als Ausstellungselement zeigen. Sie ist das Filzzelt der Nomaden, das schon zu Zeiten Dschingis Khans in der Steppe stand. Die Jurte hat auch einen direkten Bezug zu Dschingis Khan: Er war zwar einer der größten Herrscher und Staatsgründer, aber auch er wurde in einer Jurte geboren. Deshalb befindet sie sich im Zentrum der Ausstellung. Von dort geht es weiter durch die Ausstellung, wo wir Dschingis Khan als Staats- und Militärreformer zeigen.
Er kam früh zu der Erkenntnis, dass man ein Reich zwar vom Sattel aus erobern, aber nicht regieren konnte. Er brauchte Verwaltung, Städte und Niederlassungen. Dschingis Khan gründete also eine Hauptstadt: Karakorum.
Die Stadtgründung der Mongolen ist unser nächstes Thema. Wir wollen ein Stadtmodell aufstellen und einige Objekte präsentieren, die bei Ausgrabungen in Karakorum zutage kamen.
Sie geben Aufschluss über verschiedene Themen: die Handwerker, den Handel und das Verwaltungssystem. Anschließend führt der Rundgang die Besucher in die Zeit nach Dschingis Khan, in die sogenannte Pax Mongolica. So bezeichnet man die Zeit von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, als sich das Mongolische Reich etabliert hatte. In seiner maximalen Ausdehnung reichte es vom Pazifik bis zur Donau.
AG: Die Pax Mongolica war eine Periode der Stabilität, in der das mongolische Reich aufblühte. Sie führte zu einer Erweiterung der Kommunikationsnetze und schuf Voraussetzungen für ausgeprägten Handel und den Austausch von Wissen. Auch die Seidenstraße, wie wir sie heute kennen, entsteht in dieser Zeit. Der verstärkte, „globale“ Handel führte dazu, dass sich auch die europäische Vorstellung von geografischen Räumen und historischen Abläufen veränderte. Die Welt wurde gewissermaßen größer. Davon zeugen Berichte von Kaufleuten oder christlichen Reisenden, die an den Hof des mongolischen Khans kamen.
Die Mongolen brachten ihrerseits auch neue Waren nach Europa. Sie stammten aus für die Europäer fast unerreichbaren Ländern, die die Mongolen kontrollierten oder tributpflichtig gemacht hatten – etwa China oder Indien. Von diesem Austausch profitierten natürlich die Händler, die mit den Mongolen zusammenarbeiteten, insbesondere italienische Handelsverbindungen, etwa aus Venedig.
Was sollten die Besuchenden aus der Ausstellung mitnehmen?
AG: Die Ereignisse des 13. Jahrhunderts liegen aus heutiger Perspektive fast 800 Jahre zurück – aber was damals in Bewegung gesetzt wurde, wirkt bis in die Gegenwart hinein. Das gilt z.B. für die Zentralisierung und Globalisierung der Welt. Das Mongolische Reich kann man gewissermaßen als einen Beginn der Globalisierung betrachten. Die Themen, mit denen sie sich auseinandergesetzt haben, sind auch heute noch aktuell: Herrschaft, Macht, das Verhältnis von Krieg und Frieden. So verbindet sich für uns Gegenwart und Vergangenheit, was damals begann, wirkt bis heute nach – das ist das Faszinierende an dieser Geschichte.
Es kommen zahlreiche Leihgaben der mongolischen Kooperationspartner nach Berlin – aus dem Chinggis Khaan Nationalmuseum in Ulan Bator, das Karakorum Museum und das Institut für Archäologie der Akademie der Wissenschaften der Mongolei. Welche davon faszinieren Sie selbst am meisten?
AG: Es kommen mehr als 300 Objekte aus der Mongolei nach Berlin und da sind viele tolle und spannende Gegenstände dabei. Ein Highlight ist die Grabkammer aus der türkischen Zeit, an der Schwelle zwischen dem 7. und 8. Jhdt. V. Chr., die ich bereits erwähnt habe. Wir haben die Kammer rekonstruiert und die Besucher gehen durch sie hindurch. Man muss sich diese Kammer wie einen ziemlich langen, bemalten Korridor vorstellen. Rechts und links befanden sich Nischen, bis man am Ende die Hauptgrabkammer erreichte. In diesen Nischenkammern waren die Beigaben für die Verstorbenen aufgestellt. Dabei handelt es sich überwiegend um Tonfiguren von Menschen, Tieren und Reitern. Sie ähneln den Figuren der berühmten Terrakotta-Armee des chinesischen Kaisers, sind aber Miniaturen, etwa 30 bis 35 Zentimeter groß. Es wurden ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen dargestellt. An den Gesichtszügen erkennt man beispielsweise Darstellungen der türkischen Bevölkerung oder chinesische Beamte, die wahrscheinlich am Hof tätig waren und entsprechende Dienstkleidung tragen. Außerdem sind verschiedene Berufe dargestellt. Man sieht Gelehrte, Krieger und Musiker. Es ist eine sehr interessante und farbenfrohe Sammlung von Figurinen, die zu meinen persönlichen Highlights gehört.
Ein weiteres Highlight ist eine fast lebensgroße Steinfigur aus Granit mit traditioneller Kleidung und einer Trinkschale in der Hand. Sie wurde auf einem Gräberfeld südöstlich von Ulan Bator gefunden und stellt sehr wahrscheinlich einen direkten Nachkommen Dschingis Khans dar. Von Dschingis Kahn selbst gibt es keine zeitgenössischen Darstellungen, aber diese Figur steht gewissermaßen stellvertretend für ihn.
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