Ein Verlust für das Ethnologische Museum. Nachruf auf den Künstler Feliciano Pimentel Lana Sibé

Brasilien bricht täglich neue traurige Rekorde mit der Zahl an Todesfällen durch COVID-19. Vieles deutet darauf hin, dass COVID-19 nun auch die Ursache für den plötzlichen Tod des Desana-Künstlers Feliciano Pimentel Lana ist, von dem das Ethnologische Museum 2019 Teile einer Sammlung von Aquarellen zum Ursprung und der Geschichte der Weißen am Oberen Rio Negro, seiner Heimatregion, erworben hatte.

Text: Thiago da Costa Oliveira, Andrea Scholz

Brasilien bricht täglich neue traurige Rekorde mit der Zahl an Todesfällen durch COVID-19. Besorgniserregend ist insbesondere die Lage der indigenen Gruppen im Amazonasgebiet, wo die Pandemie düstere Erinnerungen hervorruft. Nach der sogenannten Entdeckung Amerikas fielen Schätzungen zufolge 80% der Bevölkerung in den ersten 50 Jahren unbekannten Krankheiten zum Opfer.
Alle Zeichen deuten darauf, dass COVID-19 nun auch die Ursache für den plötzlichen Tod des Desana-Künstlers Feliciano Pimentel Lana ist, der dem Ethnologischen Museum erst 2019 den ersten Teil einer Sammlung von Aquarellen zum Ursprung und der Geschichte der Weißen am Oberen Rio Negro, seiner Heimatregion, verkauft hatte. Der zweite Teil der Sammlung liegt noch in Brasilien und wird nun post mortem erworben werden müssen.

Der Künstler, dessen traditioneller Name Sibé lautete, verstarb am 12. Mai 2020 in der indigenen Gemeinschaft São Francisco am Oberen Rio Negro, nachdem er kurz zuvor seinen Wohnort São Gabriel da Cachoeira mit Symptomen von COVID-19 verlassen hatte. Lana wurde 83 Jahre alt.

Geboren wurde er 1937 in São João Batista am Fluss Tiquié, den der deutsche Ethnologe und Sammler Theodor Koch-Grünberg auf seiner Expedition zum Oberen Rio Negro im Jahr 1904 bereist hatte. Lanas Vater war Desana, seine Mutter gehörte, wie in der Region üblich, zu einer anderen Sprachgruppe, den Tukano. Lana teilte das grausame Schicksal vieler anderer indigener Kinder seiner Generation: Bereits im Alter von vier Jahren, 1941, wurde er in ein Internat der Salesianer gebracht, um fernab seiner Gemeinschaft im Sinne der Weißen erzogen zu werden. Durch das Zusammenleben mit den Geistlichen lernte er nicht nur Portugiesisch, Lesen und Schreiben. Die Zeit im Internat markierte zugleich den Anfang von Lanas Beziehungen zur nicht-indigenen Welt, die für einen Großteil seines weiteren Lebens prägend waren. Nach seinem Schulabschluss verdingte sich Lana als Maurergehilfe, Traktorfahrer, Telegrafist, Ziegler und sogar als Minenarbeiter.

Feliciano Lana erklärt seinen Bilderzyklus zur Geschichte der Weißen. Filmstill von Thiago da Costa Oliveira (2019)
Feliciano Lana erklärt seinen Bilderzyklus zur Geschichte der Weißen. Filmstill von Thiago da Costa Oliveira (2019)

Im Jahr 1965 wurde er vom litauischen Pater Casimiro Bécksta zur Zusammenarbeit eingeladen, denn der Geistliche war daran interessiert, die indigene Kultur der Region aufzuzeichnen. Eigentlich sollte Lana fotografieren und Audioaufnahmen erstellen, entschied sich dann aber dazu, sein Wissen in gemalten Bildern festzuhalten und dem Pater auf diese Weise zu erklären, was er von den Ältesten seines Volkes gelernt hatte. Nach und nach entwickelte er sich zum Experten darin, die Traditionen und das mythische Universum der Region sichtbar zu machen. Er arbeitete mit der Technik des Aquarells, reich an Farben und Details, spielte mit Perspektiven, Dimensionen und einem Spiel an Licht und Schatten, die seinen Werken einen spezifischen Charakter verliehen.

Der unter Lanas Clan zusammengetragene Reichtum an Material bildete die Grundlage für eines der ersten Bücher indigener Autoren in der Region, “Antes o Mundo não Existia” (erschienen 1980, neu aufgelegt 2015 und 2019). Das Buch wurde von Berta Ribeiro, damals Anthropologin am Museu Nacional Rio de Janeiro, organisiert, und machte Lana über die Region des Oberen Rio Negro hinaus bekannt. Das Weltkulturenmuseum Frankfurt (damals Museum für Völkerkunde) ließ Teile des Buchs 1988 unter dem Titel “Der Anfang vor dem Anfang” übersetzen. Die Bilder, ursprünglich ein Mittel, durch das Lana in der Zusammenarbeit mit den Ältesten seine eigene Kultur besser kennenlernte, wurden mehr und mehr zum Medium des Dialogs mit der Welt. Die Kunst Lanas wurde in verschiedenen Einzelausstellungen in Brasilien gezeigt und von Museen in Europa angekauft, darunter vom bereits genannten Weltkulturenmuseum Frankfurt, vom British Museum und zuletzt auch vom Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin.

 Strafen unter Manduca an der Spitze des SPI, 2019. Ethnologisches Museum/ SMB, Identnr. V B 20061
Strafen unter Manduca an der Spitze des SPI, 2019. Ethnologisches Museum/ SMB, Identnr. V B 20061

Im Jahr 2019 begann Lana mit der Produktion einer großen Sammlung für das Ethnologische Museum Berlin, im Kontext der Zusammenarbeit mit dem Instituto Socioambiental und dem Humboldt Forum im Projekt “Geteiltes Wissen”. In einem mehr als 70 Einzelwerke umfassenden Bilderzyklus beschäftigte sich Lana mit den Beziehungen zwischen Indigenen und Weißen in der Region, ein Thema, das wohl kaum jemand intensiver erfahren hatte als er. Lana war überaus schnell und effektiv in der Herstellung seiner Bilder. Der Zyklus umfasst den mythischen Ursprung der nicht-Indigenen, die Präsenz von Missionar*innen, Soldaten, Minenarbeitern, Händlern, Wissenschaftler*innen und Sammlern am Oberen Rio Negro, Lanas persönliches Leben mischt sich darin mit der Geschichte der Region.

Während unseres Aufenthalts in São Gabriel da Cachoeira im Juni 2019 ließen wir uns jedes einzelne der bereits fertigen Bilder von Lana erklären und filmten ihn dabei. Der zweite Teil dieser Videodokumentation sollte jetzt, im Mai 2020 stattfinden, nachdem Lana uns im Februar 2020 informiert hatte, dass er den Bilderzyklus abgeschlossen hatte. Mit COVID-19 hatte niemand gerechnet.

São Gabriel da Cachoeira, die kleine Stadt am Oberen Rio Negro, in der Lana seit 1990 lebte, ist zur Zeit einer der hauptsächlichen Schauplätze der unfassbaren Tragödie, die fast das gesamte Amazonasgebiet umfasst. Mit Sorge verfolgen wir die Ereignisse aus der Ferne und nehmen Abschied von einem besonderen Künstler, großen Lehrer und Freund, in tiefer Trauer und Solidarität mit seiner Familie und seinen Freunden, Wir sind dankbar für alles, was wir von Feliciano Pimentel Lana – Sibé lernen durften.

Flussszene in der Internatszeit: Feliciano Lana und andere baden unter der Aufsicht des Salesianerpaters, 2019. Ethnologisches Museum/ SMB, Identnr. V B 20068
Flussszene in der Internatszeit: Feliciano Lana und andere baden unter der Aufsicht des Salesianerpaters, 2019. Ethnologisches Museum/ SMB, Identnr. V B 20068

Weitere Nachrufe auf Feliciano Pimentel Lana Sibé sowie weitere Quellen auf amazoniareal.com und socioambiental.org.

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