Göbeklitepe und Karahantepe: Die tonnenschwere Wiege der Menschheit
Lesezeit 8 Minuten
Vor 12.000 Jahren begannen Jäger und Sammler in Vorderasien gewaltige Bauwerke zu errichten und legten damit den Grundstein für die Sesshaftwerdung des Menschen. Barbara Helwing, Direktorin des Vorderasiatischen Museums, im Interview über die neue Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft“ und die faszinierenden Funde vom Göbeklitepe und Karahantepe.
Interview: Sven Stienen
Die neue Ausstellung Gebaute Gemeinschaft des Vorderasiatischen Museums beschäftigt sich mit dem Göbeklitepe, einem der frühesten besiedelten Orte der Menschheitsgeschichte. Was passierte dort vor 12.000 Jahren?
Ich muss für die Antwort etwas weiter ausholen. Nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit wird die Erde langsam wärmer, dadurch entstehen sehr fruchtbare Regionen, in denen Menschen mit Sammeln und Jagen gut leben können. Durch ihre Anwesenheit und ihre Aktivität werden sie in den Regionen zu einem wesentlichen Faktor der Evolution: Sie bevorzugen bestimmte Pflanzen und beginnen möglicherweise, konkurrierende Pflanzen auszureißen, um das Wachstum zu fördern. Ähnlich ist es bei Tieren: Wenn selektiv gejagt wird – Muttertiere und Jungtiere geschont, bestimmte männliche Tiere bevorzugt – verändert das die Populationen. Es entsteht eine Art Symbiose zwischen den Menschen und den sie umgebenden Ökosystemen.
Diese Entwicklung verläuft über mehrere tausend Jahre und während sich die Ökosysteme in dieser Zeit durch den Menschen verändern, ändern auch die Menschen ihre Lebensweise und beginnen, längerfristige Lagerplätze einzurichten und länger an bestimmten Orten zu verweilen. Und am Ende dieser Entwicklung – direkt am Übergang zur vollständigen Sesshaftwerdung, die mit nachweisbarem Ackerbau und Viehzucht einhergeht, treten Orte wie der Göbeklitepe in Erscheinung.
Was sind das für Orte, was macht sie besonders?
Besonders sind zunächst einmal die monumentalen Bauwerke mit monolithischen, T-förmigen Steinpfeilern, die durchschnittlich zehn bis zwanzig Tonnen wiegen. Aus ihnen wurden runde Gebäude gebildet, in der Form ähnlich wie Stonehenge, aber viel größer und in die Erde eingegraben.
In diesen Gebäuden finden sich Skulpturen mit einer sehr eigenständigen Bilderwelt. Wir sehen Darstellungen von Menschen – möglicherweise Verstorbenen, da viele Figuren Rippen zeigen, als seien die Körper ausgetrocknet oder mumifiziert. Vor allem aber sehen wir Tiere. Diese bilden das Universum der damaligen Menschen ab, jedoch nicht im Sinne von Nützlichkeit, sondern als Konzept. Es werden wenige Jagdtiere dargestellt, die meisten Tiere sind gefährlich und aggressiv in Szene gesetzt. Besonders häufig sind Leoparden, sie tauchen sowohl als Miniaturen wie als dreieinhalb Meter lange Reliefs auf. Sie erscheinen im Sprung, im Angriff, mit gefletschten Zähnen – ein Bild von Gefahr.
Da es keine schriftlichen Hinterlassenschaften gibt, ist die Interpretation dieser Anlagen und Funde natürlich schwierig, aber wir Archäologen vermuten, dass diese Monumentalgebäude Orte waren, an denen sich Gemeinschaften versammelten und Rituale durchführten. Die Gebäude waren in den Boden eingetieft, überdacht und dunkel. Die Bilder an den Pfeilern flackerten im Fackellicht, das muss eine sehr eindrückliche Atmosphäre gewesen sein.
Warum wurde so monumental gebaut? Das muss doch ein enormer organisatorischer Aufwand für umherziehende Gruppen gewesen sein …
In der frühesten Phase gibt es einfachere, kleinere Gebäude. Auch dort sehen wir bereits stehende Steine, Tierknochen, Schädel. Das bestimmte Konzept, das diese Bauwerke und Bildwelten verkörpern, ist also älter.
Dass man später immer größer und schwerer baut, deutet darauf hin, dass man ein bestimmtes Weltbild stabilisieren wollte. Die Bilderwelt dieser Anlagen ist die der Jäger-Sammler, nicht die der Bauern. Vielleicht geriet dieses System unter Druck, und Monumentalität war ein Mittel, es zu festigen. In jedem Fall stellen diese Anlagen eine riesige logistische Leistung dar, lange bevor die Idee der Pyramiden in Ägypten überhaupt geboren war. Der Ausstellungstitel Gebaute Gemeinschaft bezieht sich darauf, dass solche Bauprojekte gemeinsames Handeln erfordern: Niemand kann diese Anlagen allein errichten, es müssen sich große Gruppen von Menschen organisieren und koordinieren, um das zu schaffen. Gleichzeitig entstehen neue soziale Dynamiken: Sesshafte Gruppen wachsen schneller, Geburtenabstände verkürzen sich. Aus 20 Personen werden schnell 200. Diese Veränderung muss kulturell verarbeitet und kanalisiert werden – und in diesem Zusammenhang sind diese Gebäude zu sehen.
Wie kann man sich das Leben am Göbeklitepe vorstellen? Haben die Clans der Region sich dort regelmäßig getroffen – etwa zu den Sonnenwenden – und gefeiert?
Es gibt unterschiedliche Ansichten, ob es sich um saisonale Treffen verschiedener Clans handelte oder ob dort auch dauerhaft Menschen gewohnt haben. Auch ob sich dort ganze Clans versammelten oder eher rituelle Spezialisten, die Kontakt zu bestimmten Kräften oder Wesen aufnahmen, ist noch nicht geklärt. Die Forschung zu diesen Orten ist erst etwa 30 Jahre alt und die Anlagen sind riesig – da wird sicher noch vieles entdeckt werden, was uns Aufschluss über diese Fragen gibt.
Gibt es Erkenntnisse darüber, wie so ein Fest oder Ritual vor 12.000 Jahren ausgesehen haben könnte?
Es gibt einige Funde, die uns eine ungefähre Vorstellung davon vermitteln. Archäologisch lassen sich zum Beispiel Tröge mit Stärke-Rückständen nachweisen, was für eine Getreideverarbeitung spricht. Es könnte dort also Brot oder Getreidebrei zubereitet worden sein – vielleicht sogar Bier, denn wenn Getreide, Wasser und warme Temperaturen zusammentreffen, dann ist Fermentation sehr wahrscheinlich und die Menschen dürften das gewusst habe.
Wie viele Menschen sich dort trafen, können wir derzeit kaum nachvollziehen. Die Gebäude sind sehr groß – bis zu 28 Meter im Durchmesser –, aber wir haben keine verlässlichen Befunde, um Zahlen festzulegen. Es liegt aber nahe, dass man solche großen Anlagen nicht gebaut hat, damit dort eine Handvoll Menschen wohnt …
Was ist die Bedeutung dieses Fundkomplexes, sowohl menschheitsgeschichtlich als auch für die archäologische Forschung?
Es ist ganz wichtig zu erwähnen: Der Göbeklitepe steht nicht allein. Er war lange als sehr singulär wahrgenommen worden, weil man die anderen Orte nicht kannte. Inzwischen wurde mit dem Karahantepe eine zweite sehr große und ebenfalls sehr alte Anlage dieser Art gefunden. Außerdem gibt es, über rund 3000 Jahre der Sesshaftwerdung verteilt, immer wieder typische Fundorte. Derzeit werden in einem internationalen, interdisziplinären Forschungsprojekt zehn Orte untersucht. Das Projekt läuft unter dem Namen Taş Tepeler, was übersetzt „Steinhügel“ bedeutet und auch im Ausstellungstitel aufgegriffen wird.
Die Forschung geschieht in internationalen Teams, in denen immer eine türkische Partei mit einem ausländischen Partner zusammenarbeitet, etwa einer japanischen Universität, dem Deutschen Archäologischen Institut usw. Die Ausgrabungen finden an allen Orten parallel statt, und um die Lebensweise der Menschen damals zu rekonstruieren, braucht man Daten aus Zoologie, Botanik usw. Da ist es sehr vorteilhaft, wenn dasselbe Team etwa die botanischen Untersuchungen an allen Plätzen durchführt. Im Moment ist also ein multinationales Großforschungsprojekt im Gange, das sich in erster Linie der Frage verschrieben hat: Wie kam es zur Sesshaftwerdung? Wie lässt sich dieser Prozess näher beleuchten und nach welchen Gesetzmäßigkeiten verlief er? Das Tolle ist, dass der Göbeklitepe nicht mehr als Sonderfall gilt, sondern als gut erforschter, beispielhafter Platz. Dadurch verlagert sich der Fokus vom Einzelplatz hin zu größeren Systemen, die wir rekonstruieren. So lassen sich auch Veränderungen beobachten, z. B. hinsichtlich der Größe der Plätze oder der Art der Darstellungen und des Bildrepertoires. Der Blick darauf wird immer differenzierter, je länger wir forschen.
Die Ausstellung beginnt mit einer Orientierung: Es gibt eine Karte, einen Zeitstrahl, ein beispielhaftes Modell eines der Gebäude und eine Einführung in das Forschungsprojekt. Danach folgt ein Parcours mit mehreren Stationen zum Thema Gemeinschaft – da geht es um gemeinsames Bauen, Jagen und Kochen, um Mensch-Tier-Beziehungen, Geschlechterdarstellungen und den Umgang mit den Toten. Wir zeigen Originalfunde – vielfach zum ersten Mal überhaupt im Ausland zu sehen – und Nachbildungen, darunter viele faszinierende Skulpturen und ein großes Leopardenrelief, sowie Fotografien von Isabel Muñoz, die den Göbeklitepe und andere Fundorte kunstvoll in Szene gesetzt hat. Am Ende schlagen wir eine Brücke zur europäischen Steinzeit in der Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte.
Was ist Ihr persönliches Highlight in der Ausstellung?
Ich freue mich vor allem, dass wir diese Geschichte erstmals in ihrer ganzen Komplexität zeigen können – inklusive der Entwicklung der Forschung. Mein persönliches Lieblingsstück ist ein kleiner Anhänger aus grünem Stein. Er ist nur wenige Zentimeter groß und zeigt einen Geier und einen menschlichen Kopf und verrät uns sehr viel über das Verhältnis der prähistorischen Menschen zum Tod und zur Vergänglichkeit.
Was macht eigentlich eine erfolgreiche Ausstellung aus? Ein Gespräch mit Matthias Wemhoff, dem Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte… weiterlesen
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert florierte der Handel mit archäologischen Objekten im Osmanischen Reich. Trotz strenger Ausfuhrregularien kamen viele… weiterlesen
Unsere Webseite verwendet Cookies. Diese haben zwei Funktionen: Zum einen sind sie erforderlich für die grundlegende Funktionalität unserer Website. Zum anderen können wir mit Hilfe der Cookies unsere Inhalte für Sie immer weiter verbessern. Hierzu werden pseudonymisierte Daten von Website-Besuchern gesammelt und ausgewertet. Das Einverständnis in die Verwendung der Cookies können Sie jederzeit widerrufen. Weitere Informationen zu Cookies auf dieser Website finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und zu uns im Impressum.
Funktional Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.
Kommentare
Ich wohne weit entfernt von Ihren Ausstellungen und freue mich deshalb darüber in Ihrem Blog zu lesen. Danke.