Krankheit in der Antike: Von Dämonen und Wundbrand

In Krisenzeiten benötigt man Beistand, ob spiritueller Art oder in Form des Mitgefühls vertrauter Menschen. Die Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin bewahrt unzählige antike Dokumente auf, die dieses Thema vielfältig illustrieren.

Text: Marius Gerhardt

Göttlichen Beistand und Schutz erhofften sich die Menschen in der Antike in vielen Notsituationen. So verwundert es auch nicht, wenn sich Amulette zum Schutz vor Krankheiten oder zur Heilung erhalten haben. Diese wurden zu kleinen Päckchen gerollt oder gefaltet und an einem Strick oder in einem kleinen Behältnis am Körper getragen. Im trockenen Klima Ägyptens, das zu dieser Zeit zum Byzantinischen Reich gehörte, wurden unter vielen anderen auch zwei christliche Amulette konserviert.

Auf dem sehr schmalen Papyrus eines der Amulette haben sich vier unvollständige Zeilen erhalten, in denen Jesus Christus angerufen wird, die namentlich nicht genannte Trägerin dieses Amuletts von allen Krankheiten – unter anderem werden auch Fieber und Kopfschmerzen genannt – zu heilen und sie vor Hexerei und allen bösen Geistern zu schützen. Interessant dabei ist, dass Jesus Christus nicht nur allgemein als mächtiger Heiland/Heiler angerufen wird. Darüber hinaus wird seine heilende Macht ganz konkret an einem Beispiel aus dem Neuen Testament verdeutlicht, nämlich der Heilung von Petrus‘ Schwiegermutter vom Fieber.

Christliches Amulett, Papyrus, Ägypten, 5.–6. Jh. n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 21230, URL: http://berlpap.smb.museum/04427/
Christliches Amulett, Papyrus, Ägypten, 5.–6. Jh. n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 21230, URL: http://berlpap.smb.museum/04427/

Sehr viel konkreter wird es im nächsten Beispiel: Auf Pergament hat sich ein weiteres christliches Schutzamulett gegen Krankheit fragmentarisch erhalten. Sehr deutlich sieht man noch die Spuren der ursprünglichen Faltung dieses Blattes. Hier ist es nun nicht nur die göttliche Macht, die durch ein Trishagion (Dreimalheiligruf) direkt angerufen und um Heilung für den Träger des Amuletts gebeten wird. Stattdessen wird der Krankheit zuerst mit dem Schrecken Gottes gedroht. Sie wird aufgefordert zu verschwinden. Hier wird die in der Antike weit verbreitete Idee der Krankheit als Dämon deutlich. Die Krankheit wird als Wesen (Dämon) direkt angesprochen. Sie ist zu menschlichen Regungen fähig und kann somit den Schrecken Gottes fürchten. Das Amulett gipfelt in dem Ausruf: Jesus Christus siegt!

Christliches Schutzamulett gegen Krankheit, Pergament, Ägypten, 6. Jh. n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 17082, URL: http://berlpap.smb.museum/06239/
Christliches Schutzamulett gegen Krankheit, Pergament, Ägypten, 6. Jh. n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 17082, URL: http://berlpap.smb.museum/06239/

Wenn uns durch solche Amulette die Vorstellungswelt der antiken Menschen deutlich wird, so nähern wir uns ihnen noch viel mehr, wenn wir ihre persönlichen Briefe lesen. Und in diesen geht es gelegentlich auch um Krankheiten.

Einige Jahrhunderte älter als die beiden vorgestellten Amulette ist der Brief einer Mutter an ihren kranken Sohn Hegelochos. Dieser ist offenbar beim Militär im Nildelta oder an der Mittelmeerküste Ägyptens stationiert. Von dem Veteran Serapion erfährt nun Hegelochos‘ Mutter von einer Verletzung, die er sich zugezogen hat. Nun schreibt sie ihm diesen Brief, in dem ihre Sorge um seine Gesundheit direkt greifbar wird. Augenscheinlich hat ihr Serapion auch berichtet, dass Hegelochos übermäßig matt sei. In ihrer Sorge nimmt die Mutter nun an, dass sich die Verletzung entzündet hat. In der damaligen Zeit konnte das schwerwiegende Folgen haben. Auch wenn Serapion anscheinend versucht hat, Hegelochos‘ Mutter zu beruhigen, hat das ihre Sorge nicht verringert. Denn sie will es nicht bei Worten belassen. Sie insistiert, dass Hegelochos ihr schreibt, wenn es ihm schlechter geht. Sofort, so schreibt sie, würde sie dann irgendeinen Weg finden, um zu ihm zu kommen. Man spürt regelrecht ihre Sorge, wenn sie ihren Sohn schließlich daran erinnert, dass er als Vater doch wisse, was es heißt, sich um ein Kind zu ängstigen.

Wir hoffen, dass sich Hegelochos schnell von seiner Verletzung erholt hat. Wir wissen es nicht. Denn leider kennen wir ihn nur aus diesem einen Brief.

Brief einer Mutter an ihren kranken Sohn, Papyrus, Faijûm (Ägypten), 3. Jh. n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 7108 V, URL: http://berlpap.smb.museum/01974/
Brief einer Mutter an ihren kranken Sohn, Papyrus, Faijûm (Ägypten), 3. Jh. n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Berliner Papyrusdatenbank, P 7108 V, URL: http://berlpap.smb.museum/01974/

Diese und weitere antike Texte können über die Berliner Papyrusdatenbank erschlossen werden.

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