Mesopotamien: Die Stellung der Frau vor 3000 Jahren

Eine neue Vitrine in der Dauerausstellung des Vorderasiatischen Museums enthält eine in Keilschrift geschriebene Tontafel über die rechtliche Stellung von Frauen vor 3000 Jahren. Die Präsentation ist ein Experiment: Wir zeigen nur ein einzelnes Objekt und stellen damit einen Bezug zur Gegenwart her.

Text: Juliane Eule

Während die Keilschrifttafel, die wir in der neuen Vitrine im Vorderasiatischen Museum ausstellen, Jahrtausende alt ist, schockierten uns die gerade einmal 100 Jahre „jungen“ Forschungsbeiträge zum Thema viel mehr, als der Keilschrifttext selbst. So verglich der österreichische Rechtshistoriker Paul Koschaker 1922 in seiner rechtsgeschichtlichen Einleitung zum Text unsere Tontafel mit älteren mesopotamischen Rechtsurkunden und stellte fest:

„Die patriarchale Ehe ist also gegenüber der muntfreien (Notiz der Verfasserin: munt = mhd. „Vormundschaft“) Ehe im siegreichen Vordringen begriffen. Das ist nicht als sozialer Rückschritt zu werten, etwa aus dem Gesichtspunkte, daß die patriarchale Ehe die Frau in ein strenges Abhängigkeitsverhältnis zum Manne bringt. Die vergleichende Soziologie der Ehe lehrt, daß häufig lockere Eheformen die Vorstufe zur patriarchalen Ehe bilden. Der soziale Fortschritt, den diese birgt, liegt darin, daß die ehe- und hausherrliche Gewalt des Mannes, die mit eisernen Klammern die Familienmitglieder zusammenhält, die Grundlage schafft zur Bildung der Einzelfamilie, und so wird man die Ehe ohne Hausgemeinschaft des Rechtsbuches eher als Überrest älterer primitiver Eheformen zu würdigen haben.“

Wie bitte? Die „hausherrliche“ Gewalt des Mannes über seine Frau ist also als sozialer Fortschritt zu werten? „Lockere“ Eheformen, in denen die Frau dem Mann nahezu gleichgestellt ist, sind lediglich primitive Vorstufen der richtigen – patriarchalen – Ehe? Schon klar. Schauen wir doch mal, was unsere Tontafel dazu sagt.

Mittelassyrischer Gesetzestext (Tontafel), Assur (Irak), 12. Jh. v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer.
Mittelassyrischer Gesetzestext (Tontafel), Assur (Irak), 12. Jh. v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer.

Nachschlagewerk in Keilschrift?

Die Tafel wurde in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg von deutschen Archäologen in der Stadt Assur (Irak) ausgegraben und stammt aus der Regierungszeit des assyrischen Königs Tiglatpileser I. (1114–1076 v. Chr.). Ob nach mesopotamischen Rechtstexten auch tatsächlich geurteilt wurde, ist strittig. Doch diese Tafel wurde im Durchgang zwischen dem Anu-Adad-Tempel und dem alten Palast, Assurs mutmaßlicher Gerichtsstätte, gefunden. Es wäre also durchaus denkbar, dass der Keilschrifttext hier beim Fällen von Urteilen als Nachschlagewerk herangezogen wurde.

In jeweils vier Kolumnen auf Vorder- und Rückseite werden insgesamt 59 Rechtsfälle und ihre Urteile aufgeführt, von denen überwiegend Ehefrauen, Witwen oder Töchter betroffen sind. Die folgenden Auszüge sollen einen Einblick in die Tafel geben.

Zum Inhalt des Gesetzestextes

In Paragraph 40 wird sehr ausführlich erläutert, welche Frauen sich verhüllen durften und wie eine unrechtmäßige Verschleierung zu bestrafen war:

„Eine Konkubine, die mit ihrer Herrin auf einem Platze geht, bleibt verhüllt. Eine Tempeldienerin, die mit einem Gatten verheiratet ist, bleibt ebenfalls auf einem Platze verhüllt; eine, die nicht mit einem Gatten verheiratet ist, trägt auf einem Platze den Kopf entblößt und darf sich nicht verhüllen. Eine Dirne darf sich nicht verhüllen, ihr Kopf bleibt entblößt. Wer eine verhüllte Dirne erblickt, soll sie festnehmen, Zeugen stellen und sie zum Eingang des Palastes bringen. Ihren Schmuck darf man nicht nehmen, aber derjenige, der sie festgenommen hat, bekommt ihre Kleidung. Man soll ihr fünfzig Stockschläge versetzen und Asphalt auf ihren Kopf gießen. Wenn dagegen ein Bürger eine verhüllte Dirne erblickt, sie gehen lässt und sie nicht zum Eingang des Palastes bringt, so soll man diesem Bürger fünfzig Stockschläge versetzen. Sein Anzeiger bekommt seine Kleidung. Seine Ohren soll man durchbohren, mit einer Schnur durchziehen und auf seinem Hinterkopf zusammenbinden. Einen vollen Monat soll er für den König Fronarbeit leisten. Sklavinnen dürfen sich nicht verhüllen. Wer eine verhüllte Sklavin erblickt, soll sie festnehmen und sie zum Eingang des Palasts bringen. Man soll ihr die Ohren abschneiden. Derjenige, der sie festgenommen hat, bekommt ihre Kleidung.“

Darstellung von verschleierten Frauen auf einem Obelisken (Assur, Irak), 7. Jh. v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Tessmer
Darstellung von verschleierten Frauen auf einem Obelisken (Assur, Irak), 7. Jh. v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Tessmer

Verhüllung als Privileg

Demnach wurde das Recht auf Verhüllung als Privileg betrachtet. Die Verschleierung war das Symbol der privilegierten Stellung einer Frau. Diese Beobachtung verfestigt sich im darauffolgenden Paragraphen:

„Wenn ein Bürger seine Konkubine verhüllen will, so soll er fünf oder sechs seiner Genossen Platz nehmen lassen, sie in ihrer Gegenwart verhüllen und sagen: ‚Sie ist meine Gattin‘. Dann ist sie seine Gattin. Eine Konkubine, die nicht in Gegenwart von Leuten verhüllt ist und von der ihr Gatte nicht gesagt hat: ‚Sie ist meine Gattin‘, ist keine Gattin, sondern nur eine Konkubine. Wenn der Bürger stirbt und Söhne seiner verhüllten Gattin nicht vorhanden sind, gelten die Söhne von Konkubinen als (legitime) Söhne und sie bekommen einen Erbteil.“

Auch hier kommt die höhere Stellung der verschleierten Frau zum Ausdruck, sie wird zur legitimen Ehefrau und erlangt dadurch mehr Rechte. Daneben zeigt sich aber noch ein anderer Aspekt: Die Verhüllung kann nicht nur als Privileg der Frau, sondern zugleich als Eigentumsvermerk des Mannes betrachtet werden.

Dagegen zeigt sich hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse in den Paragraphen 34 und 35 ein vollkommen ausgeglichenes Rechteverhältnis zwischen Mann und Frau:

„Wenn ein Bürger eine Witwe heiratet und sie, obwohl kein Vertrag mit ihr abgeschlossen ist, zwei Jahre in seinem Hause wohnt, so gilt sie als Gattin und braucht nicht auszuziehen. Wenn eine Witwe in das Haus eines Bürgers einzieht, so gehört alles, was sie mitbringt, vollständig ihrem Gatten. Wenn dagegen ein Bürger bei einer Frau einzieht, so gehört alles, was er mitbringt, vollständig der Frau“.

Bildnis einer Frau mit Kopftuch, Assur (Irak), letztes Viertel 3. Jahrtausend v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Tessmer
Bildnis einer Frau mit Kopftuch, Assur (Irak), letztes Viertel 3. Jahrtausend v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Tessmer

Abtreibung als Delikt

Einer der letzten Paragraphen der Tontafel (Nr. 53) behandelt ein Thema, das bis heute kontrovers diskutiert wird: die in vielen Ländern der Welt, darunter Deutschland, noch immer bestehende Austragungs- und Gebärpflicht:

„Wenn eine Frau aus eigenem Antrieb ihre Leibesfrucht verliert, man es ihr beweist und sie überführt, so soll man sie pfählen und sie nicht begraben. Wenn sie bei der Fehlgeburt stirbt, so soll man sie pfählen und sie nicht begraben“.

Demnach war die Abtreibung ein Delikt, das sehr schwer bestraft wurde. Noch heute ist ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland eine Straftat, die allerdings bis zum dritten Monat nicht geahndet wird. Es ist dieser Aktualitätsbezug des Keilschrifttexts, der unsere Besucher*innen vor der Vitrine innehalten lässt. Viele der Themen sind bis heute hoch aktuell, wenn auch die Bestrafungen weniger drastisch ausfallen. Eine wahre Gleichberechtigung in sämtlichen Lebensbereichen ist noch lange nicht erreicht. Mitunter besteht sogar die Gefahr, dass bereits erkämpfte Rechte wieder zurückgenommen werden. Damit gibt unsere Keilschrifttafel nicht nur einen Einblick in die Lebenswirklichkeit assyrischer Frauen, sie legt auch Zeugnis ab von einem Kampf, der mittlerweile seit Jahrtausenden währt.

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