Künstlerische Grenzüberschreitungen – Queere Identitäten im Bode-Museum

Der 26. Oktober ist der Welttag der Intersexualität. Ein Objekt im Bode-Museum zeigt eindrücklich, wie sich das Spektrum der geschlechtlichen Vielfalt und der sexuellen Identitäten auch in den Sammlungen des Museums widerspiegelt.

Text: Teresa Laudert

Der 26. Oktober ist der Welttag der Intersexualität. Ein Objekt im Bode-Museum zeigt eindrücklich, wie sich das Spektrum der geschlechtlichen Vielfalt und der sexuellen Identitäten auch in den Sammlungen des Museums widerspiegelt. Die Heilige Wilgefortis, auch als Heilige Kümmernis bekannt, ist eine Figur, deren Darstellung seit dem Spätmittelalter europaweit verbreitet war und die vor allem im Volksglauben verehrt wurde.

Der Zweite Blick © Staatlichen Museen zu Berlin, Bode Museum
Der Zweite Blick © Staatlichen Museen zu Berlin, Bode-Museum

Laut einer Legende wehrte sich die zum Christentum bekehrte Prinzessin Wilgefortis gegen eine Zwangsheirat mit einem Heiden. Sie bat Gott um Hilfe, der ihr einen Bart wachsen ließ. Daraufhin löste ihr Verlobter das Eheversprechen und ihr Vater verurteilte sie zum Tod am Kreuz – ein Martyrium, das eigentlich nur Männer durchliefen.

Die Darstellung der Heiligen Wilgefortis beruht auf der Vermischung dieser religiösen Legende mit einem künstlerischen Vorbild, das umgedeutet und neu interpretiert wurde: das heute verlorene Kruzifix Sacro Volto, das sich in Lucca (Italien) befand. Die hölzerne Skulptur aus dem 12. Jahrhundert zeigte den gekreuzigten Christus mit Bart, langem Haar und kostbar geschmücktem Gewand. Seine Augen waren – gemäß der östlichen Bildtradition des Christus am Kreuz – geöffnet.

 Heilige Kümmernis, Osnabrück um 1520 © Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt
Heilige Kümmernis, Osnabrück um 1520 © Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt

Im Mittelalter war diese Skulptur ein populäres Kultbild und beliebtes Pilgerziel. Kopien von ihr wurden im nördlichen Europa als gekreuzigte bärtige Frau interpretiert und in die Darstellung der Heiligen Wilgefortis übernommen. Heute ist die beliebte Schutzpatronin der Frauen zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen das Patriarchat geworden.

Die Heilige Wilgefortis ist eine von vielen spannenden Werken im Bode-Museum, die bislang übersehene oder ignorierte Aspekte queerer Identitäten sichtbar werden lassen. Den queeren Perspektiven, ihrer Bewertung und künstlerischen Verarbeitung widmet sich der erste Teil der 2019 initiierten Ausstellungsreihe „Der zweite Blick“. Bei der Reihe handelt es sich um Ausstellungen, die permanent in die Dauerausstellung der Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst im Bode-Museum integriert sind und sich mit aktuellen Themen von gesellschaftlicher Relevanz beschäftigen. Im ersten Teil „Der zweite Blick: Spielarten der Liebe“, eine Kooperation mit dem Schwulen Museum Berlin, werden in fünf Rundgängen Darstellungen, die nicht den tradierten Geschlechternormen entsprechen, näher beleuchtet.

Für Interessierte stehen die Inhalte der Ausstellung „Der zweite Blick: Spielarten der Liebe“ und der begleitende Katalog auch online kostenfrei zur Verfügung unter: www.smb.museum/derzweiteblick.

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