„Nabelschnur zwischen Museum und Gesellschaft“ – Schenkungen im Kupferstichkabinett
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Derzeit zeigt das Kupferstichkabinett mehrere Ausstellungen mit großzügigen Schenkungen. Direktorin Dagmar Korbacher erklärt, wie solche Schenkungen hinter den Kulissen ablaufen, warum Sammler ihre Schätze abgeben und was diese oftmals über die Kunstwelt verraten.
Interview: Sven Stienen
Das Kupferstichkabinett präsentiert gerade eine Reihe von Ausstellungen, bei denen Schenkungen im Mittelpunkt stehen. Worum geht es dabei und was genau wird gezeigt?
Dagmar Korbacher: Wir zeigen aktuell zwei Ausstellungen: Zum einen in unserem Ausstellungsraum „YES TO ALL. Die Schenkung Paul Maenz Gerd de Vries“, und zum anderen, eine Präsentation im Kabinett der Gemäldegalerie, die sich in mehreren Teilen mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten über fast ein Jahr erstreckt: „Das alles bin ich. Schenkung Christoph Müller“. Beide verbindet, dass es sich jeweils um zweite Schenkungen handelt. Sowohl Paul Maenz und Gerd de Vries als auch Christoph Müller haben dem Kupferstichkabinett beziehungsweise unserem Freundeskreis, der Graphischen Gesellschaft zu Berlin, bereits früher große Schenkungen gemacht – Maenz und de Vries 2004, Müller 2007. Nun sind sie erneut auf uns zugekommen, und so hat sich eine weitere Zusammenarbeit ergeben.
– Paul Maenz und Gerd de Vries in der Ausstellung „Yes to all. Die Schenkung Paul Maenz Gerd de Vries für das Kupferstichkabinett“, Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin
Wird in den Ausstellungen auch gezeigt, was bei einer solchen Schenkung hinter den Kulissen geschieht?
Man kann in den Ausstellungen sehr schön nachvollziehen, dass eine Schenkung nicht damit erledigt ist, dass einfach ein LKW vorfährt und drei Kisten ablädt. Solche Schenkungen entstehen vielmehr über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Sie basieren auf einem gewachsenen gegenseitigen Vertrauen zwischen den schenkenden Sammlerinnen und Sammlern und dem Museum. Diese Beziehungen werden lange gepflegt, denn die Schenkenden hängen natürlich an ihren Sammlungen und möchten sie in gute Hände geben.
Außerdem lässt sich bei beiden aktuellen Schenkungen gut nachvollziehen, dass eine Schenkung mehr ist als nur die Summe ihrer Teile. Es geht nicht nur um einzelne Kunstwerke, sondern um ganze Zusammenhänge – Galeriengeschichte, Netzwerke, Beziehungen zwischen Sammlern, Galeristen und Künstlerinnen. Das ist auch der Grund, warum wir solche Schenkungen ausnahmsweise auch als Ganzes annehmen.
– Auswahl der Werke aus der Schenkung von Christoph Müller vor ihrem Transport ins Museum, Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin
Das heißt, in der Ausstellung geht es also auch um die Netzwerke, die sich rund um die Schenkung gebildet haben – wird das anhand der Objekte sichtbar?
Im Fall von Paul Maenz und Gerd de Vries umfasst die Sammlung etwa 1.516 Werke – nach der letzten Zählung haben wir noch einmal 16 Blätter abgeholt. Diese Schenkung steht exemplarisch für ein umfassendes Geflecht aus Kunstwerken, Geschichte und persönlichen Beziehungen. Genau deshalb haben wir die Ausstellung „Yes to All“ genannt – weil sie all das einschließt.
Die Ausstellung zeigt zwar nur einen kleinen Ausschnitt dieser großen Schenkung, aber an vielen Stellen wird deutlich, wie eng die Verbindungen zwischen den Beteiligten waren. Zum einen, weil wir Korrespondenzen und Dokumente zeigen können, zum anderen, weil es auch auf manchen Werken sichtbar wird, wenn sie etwa „für Paul und Gerd“ beschriftet sind oder wenn Einladungskarten und Ausstellungsentwürfe gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern entwickelt wurden.
Insgesamt ist das also ein beeindruckendes Konvolut – ein fantastisches Netzwerk, das viele verschiedene Dimensionen sichtbar macht.
Der Sammler und Mäzen Christoph Müller (2023), Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin
Das heißt, das Ganze ist auch kunsthistorisch sehr interessant – ein Fundus, an dem man künftig viel forschen und nachvollziehen kann?
Absolut. Wir müssen uns ja immer fragen, ob es sinnvoll ist, etwas in eine öffentliche Sammlung aufzunehmen. Denn das bedeutet, dass wir öffentliche Ressourcen einsetzen, um die geschenkten Objekte für heutige und zukünftige Generationen zu bewahren, zu erschließen und zugänglich zu machen. Diese Ressourcen sind begrenzt, und genau deshalb prüfen wir das sehr sorgfältig.
In diesem Fall war für uns aber klar: Das ist unbedingt sinnvoll. Es war auch eine sehr schöne und seltene Situation, weil die Sammler über viele Jahre eine freundschaftliche Beziehung zu unserem Museum gepflegt haben. Jetzt sind ja wir als eine neue Generation von Museumsleuten am Start, und sie haben auch zu uns dieses Vertrauen aufgebaut. Sie kamen dann auf uns zu und sagten: „Wir hätten da etwas für euch…“
Blick in die Kabinettausstellung „Das alles bin ich! Die Schenkung Christoph Müller“, Foto: Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin
Das klingt aufregend …
Als wir uns die Sammlung anschauten, waren wir völlig überwältigt – von der Menge und der Qualität. Und das Besondere war: Die Sammler haben uns völlig freie Hand gelassen. Wir hätten ganz ohne Bedingungen auch nur einzelne Werke übernehmen können. Das ist wirklich außergewöhnlich.
Natürlich bedeutet die Entscheidung, alles zu nehmen, auch viel Arbeit: Wir müssen rund 1.500 Datensätze anlegen, alles dokumentieren, bewerten und Schenkungsverträge aufsetzen. Aber wir wollten dieses Konvolut unbedingt übernehmen, weil es auch ein Stück Kölner Galeriengeschichte ist – die Sammler hatten von 1970/71 bis 1990 eine Galerie in Köln – und zugleich ein wichtiger Beitrag zur Kunstgeschichte insgesamt. Es sind zentrale Positionen vertreten, etwa aus der konzeptuellen Kunst, der Arte Povera, der Transavanguardia, der Neuen Wilden und verwandten Strömungen. Man kann daran wirklich sehr schön kunsthistorische Entwicklungen und Gegenbewegungen nachvollziehen.
Wurde in der Ausstellung eine bestimmte Erzählung angelegt? Geht es darum, eine Geschichte zu erzählen, oder geht es eher um einen Überblick?
Es ist ein bisschen von beidem. Besonders schön finde ich, dass durch diese Schenkung einige Künstlerinnen erstmals überhaupt mit Werken in den Staatlichen Museen zu Berlin vertreten sind. Das betrifft wichtige Einzelpositionen, die bisher gefehlt haben – etwa Heidi Bochnig, Marthe Wéry oder Sylvie Fleury, die das titelgebende Kunstwerk „Yes to All“ geschaffen hat. Der Ausstellungstitel stammt also streng genommen nicht von uns, sondern von ihrem Werk. Fleury ist eine Schweizer Künstlerin, und ihr Beitrag bildet ein zentrales Element der Schau, die von Jenny Graser kuratiert wurde. Insgesamt bietet die Ausstellung einen Überblick über das Kunstschaffen der 1960er-, 70er- und 80er-Jahre bis heute. Gleichzeitig erzählt sie durch Exponate wie Einladungskarten, Korrespondenzen oder künstlerisch gestaltete Weihnachtskarten auch die Geschichte der Beziehungen und Verbindungen, die hinter dieser Sammlung stehen.
Warum schenken Menschen überhaupt? Warum wurde dem KK diese Sammlung angeboten?
Für uns als Museum ist das natürlich ein großes Glück. Unsere Sammlung – und eigentlich das gesamte Museum in seiner heutigen Form – gäbe es gar nicht ohne Menschen, die sich über Epochen hinweg für das Museum begeistert und Werke oder ganze Sammlungen geschenkt haben.
Gerade bei Privatsammlungen wie der von Christoph Müller oder von Paul Maenz und Gerd de Vries steckt oft der Wunsch dahinter, dass eine Sammlung nicht zerstreut oder auseinandergerissen wird. Sie repräsentiert ein Geflecht von Beziehungen, Ideen, und eine bestimmte Zeit. Indem sie geschlossen an ein Museum übergeben wird, bleibt dieser Zusammenhang erhalten und wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Ich glaube, das ist der wichtigste Punkt: Die Schenkenden möchten, dass ihre Sammlung bewahrt und wissenschaftlich weiter erschlossen wird – so dass sie auch für künftige Generationen relevant und lebendig bleibt.
Hat sich die Rolle von Schenkungen für Museen verändert oder war es schon immer so, dass Schenkungen auch eine Verantwortlichkeit und Aufwand mit sich bringen?
In der Frühzeit des Kupferstichkabinetts ging es vor allem darum, Masse aufzubauen. Das Kupferstichkabinett wurde 1831 gegründet und damals war es wichtig, zunächst große und qualitätvolle Sammlungen zu übernehmen. Nicht alles waren Schenkungen, manches wurde auch angekauft. Aber diese umfangreichen Bestände wurden zunächst übernommen, gelagert und waren natürlich nicht öffentlich zugänglich. Erst im Schloss Monbijou konnte man sie dann ordnen, präsentieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen.
… und heute?
Heute ist das ganz anders. Wir können nicht einfach einen Stapel von 1.000 Blättern annehmen und ihn irgendwo lagern, bis Zeit ist, sich darum zu kümmern. Mit jeder Schenkung übernehmen wir sofort Verantwortung: Wir müssen die Werke erschließen, dokumentieren und sie der Öffentlichkeit zeitnah zugänglich machen – sei es online oder über den Studiensaal.
Diese Professionalisierung kostet Zeit und Energie. Deshalb prüfen wir genau, ob und wie eine Schenkung in unsere Sammlung passt. Wir haben begrenzten Platz, und wenn in größeren Schenkungen zum Beispiel Werke enthalten sind, die nicht in unseren Sammlungsbereich passen – etwa Fotografien –, geben wir sie an andere Häuser wie das Museum für Fotografie weiter. So entstehen auch Synergien zwischen den verschiedenen Museen und Instituten.
Aber dennoch – mit Blick in die Zukunft – wird es weiterhin wichtig sein, dass solche Schenkungen ins Museum kommen, oder?
Auf jeden Fall. Ich finde, Schenkungen sind wie eine Art Nabelschnur zwischen Museum und Gesellschaft. Ein Museum existiert ja nicht im luftleeren Raum. Wenn Menschen draußen das, was wir tun, wertschätzen – dass wir Kunst zugänglich und fruchtbar machen – und sich dann so substanziell beteiligen, ist das unglaublich wichtig. Es gibt uns neue Impulse und bestätigt uns in unserer Arbeit.
Pietro de Angelis: Giorno (Tag) (Studie für ein Fresko im Palazzo Badoer, Venedig), ca. 1789/1790, Feder in Braun/Schwarz, Pinsel in Grau auf Papier, Foto: Christoph Müller Stiftung/Kilian Beutel
Gibt es in den beiden aktuell ausgestellten Schenkungen ein Werk, das für Sie persönlich ein besonderes Highlight ist?
Ja, da fällt mir sofort die zweite Schenkung von Christoph Müller ein. Ich war mit ihm persönlich befreundet – kennengelernt habe ich ihn 2007, damals noch als Volontärin. Er war ein eindrucksvoller Mensch und wir hatten über die Jahre immer wieder Kontakt. Er sammelte unter anderem italienische Zeichnungen, und in seiner Schenkung befindet sich jetzt ein Blatt von Pietro de Angelis, einem römischen Künstler des ausgehenden 18. Jahrhunderts, der auch in Osteuropa tätig war.
Über de Angelis habe ich meinen ersten kleinen wissenschaftlichen Beitrag geschrieben, als ich noch als studentische Hilfskraft am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gearbeitet habe. Ich hatte damals einige seiner Zeichnungen entdeckt und durfte einen kurzen Artikel darüber veröffentlichen – das war ein echtes Highlight für mich. Und jetzt, Jahre später, taucht in dieser Schenkung wieder eine Zeichnung von de Angelis auf – das fand ich unglaublich schön und berührend.
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