Renaissance des kulturellen Lebens: Donatello in der Gemäldegalerie

Dank einer großen Förderung durch den Hauptstadtkulturfonds wird die Gemäldegalerie im Herbst 2022 eine fulminante Schau zu dem Renaissancekünstler Donatello präsentieren. Kurator Neville Rowley im Gespräch über das Projekt und die Kultur nach der Krise.

Interview: Sven Stienen

Dank einer großen Förderung durch den Hauptstadtkulturfonds wird die Gemäldegalerie im Herbst 2022 eine fulminante Schau zu dem Renaissancekünstler Donatello präsentieren. Wie wichtig war Donatello für die europäische Kunstgeschichte?
Neville Rowley: Die Ausstellung trägt den Untertitel „Erfinder der Renaissance“, weil Donatello tatsächlich einer der ersten und gleichzeitig bedeutendsten Vertreter dieser Epoche war. Nur ein Beispiel: er war zwar nicht der erste, der die mathematiche Perspektive in der Kunst nutzte, aber er war schon die zweite Person, nach Filippo Brunelleschi und vor allen Malern. Hinzu kommt, dass Donatello außerordentlich innovativ war: Er hat nie zweimal das gleiche gemacht. Es gibt dutzende Madonnen von ihm, aber keine ist wie die andere. Der einzige Künstler in der Kunstgeschichte, der ähnlich vielseitig war, ist meines Erachtens Pablo Picasso: beide wollten nur eine Sache, immer sich selbst wiedererfinden.

Was können Besucher*innen in der Ausstellung erwarten?
Wir verbinden im Konzept der Ausstellung klassische und ganz neue Herangehensweisen. Klassisch ist die Erzählung als Monografie: Wir verfolgen chronologisch die Entwicklung Donatellos von Anfang bis Ende und thematisieren die künstlerischen Innovationen an denen er beteiligt war. Neu ist, dass Wir zum ersten Mal Werke zeigen, die trotz Donatellos Bekanntheit nicht oft mit ihm verbunden wurden. So geben wir Donatello ein neues Gesicht.

Kurator Neville Rowley im Interview über das James-Simon-Kabinett im Bode-Museum. © Staatliche Museen zu Berlin / Sven Stienen
Kurator Neville Rowley im Interview über das James-Simon-Kabinett im Bode-Museum. © Staatliche Museen zu Berlin / Sven Stienen

Steht bereits ein inhaltlicher Fokus der Schau fest?
Wir beschäftigen uns mit Themen wie der Reproduzierbarkeit von Donatellos Madonnen oder der Tatsache, dass Donatello am Ende seiner Karriere Werke angefangen hat, ohne sie zu vollenden – eine Einstellung, die später von Michelangelo und danach von vielen Künstler wie z.B. Tizian oder Rembrandt übernommen wurde. Aber Donatello war der erste, der das machte, der seine eigenen Grenzen akzeptierte. Außerdem werden wir in der Ausstellung dank der umfassenden Berliner Sammlung auch andere Bereiche beleuchten können. Wir haben natürlich Skulpturen, aber auch Gemälde, Medaillen oder Gipsabgüsse, mit denen wir Hintergründe, wie z.B. die Medici als Auftraggeber, thematisieren können.

Welche internationalen Partner sind bei der Ausstellung beteiligt?
Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Palazzo Strozzi und dem Bargello Nationalmuseum in Florenz, dem Victoria and Albert Museum in London – und natürlich den Staatliche Museen zu Berlin. Die Ausstellung wird an allen drei Orten gezeigt werden. Florenz, London und Berlin haben gemeinsam den größten Bestand an Donatello-Werken weltweit, nur wir drei könnten eine solche Ausstellung machen. Diese sehr breite Basis wird noch durch zahlreiche internationale Leihgaben ergänzt.

Donatello, Madonna Pazzi (um 1420) © Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt
Donatello, Madonna Pazzi (um 1420) © Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt

Die Planung des Projektes ist schon recht fortgeschritten – hat sie bereits begonnen, bevor die Förderung bewilligt wurde?
Ja, die Planungen für die Ausstellung laufen schon viel länger. Dennoch sind wir froh, dass bereits jetzt, anderthalb Jahre vor dem geplanten ausstellungsbeginn, die Finanzierung teilgesichert ist. Die Werke, die wir zeigen wollen, sind einzigartig und man kann sie nicht über Nacht ausleihen – das muss man sehr langfristig planen und deswegen schon früh anfragen. Wir haben unsere Planung natürlich auch darauf ausgelegt, eine Förderung zu bekommen. Auch wenn wir in Berlin mit unserer Sammlung eine sehr gute Ausgangsbasis haben, sind wir für solche großen Projekte auf Unterstützung angewiesen. Der Hauptstadtkulturfonds ist für uns der ideale Förderpartner, denn es geht um Berlin und seine umfangreichen Sammlungen, aber auch um ein internationales Projekt, dass die Stadt weltweit vernetzt. Ich denke dieser Faktor hat unsere Ausstellung als Förderprojekt zusätzlich attraktiv gemacht.

Donatello, Putto mit Tambourin (1429) © Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Jörg P. Anders
Donatello, Putto mit Tambourin (1429) © Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Jörg P. Anders

Die Förderung beläuft sich auf mehr als 600.000 Euro. Das ist eine Menge Geld – was geschieht mit den Mitteln konkret?
Mit solch einem großen Ausstellungsprojekt sind sehr viele Kosten verbunden. Ein großer Teil des Budgets fließt in den Transport und vor allem die Versicherung von Werken, die mitunter mehrere Millionen Euro wert sind. Aber auch die Personal- und Materialkosten sind hoch: Wir müssen zum Beispiel Verträge abwickeln, den Katalog und ein Vermittlungsangebot produzieren, die Ausstellungsräume unterhalten und eine Ausstellungsarchitektur entwickeln und umsetzen – da sind eine Menge Leute beschäftigt.

Was wäre passiert, wenn die Förderung nicht bewilligt worden wäre?
Die aktuelle Lage ist schwierig, jede Hilfe ist uns sehr willkommen. Vor der Zusage war das Projekt nur eine Idee, jetzt haben wir Planungssicherheit und können konkret loslegen. Ich habe in meiner Karriere schon viele „virtuelle“ Ausstellungen konzipiert, die am Ende nur auf dem Papier existierten. In diesem Fall bin ich besonders dankbar, dass wir in der aktuellen Krisensituation solche Hilfe erhalten. Das ist ein gutes Signal und eine unglaubliche Chance für die Berliner Museen!

Eine so große Ausstellung kann vor dem Hintergrund der Coronakrise eine große Wirkung entfalten – ist der Druck durch die aktuelle Situation besonders groß?
Natürlich ist es in der aktuellen Situation schwierig zu garantieren, dass alles funktionieren und die Ausstellung wie geplant im Herbst 2022 anlaufen wird. Aber wir müssen optimistisch bleiben, denn ohne Optimismus fehlt am Ende jegliche Zuversicht und es entsteht nichts. Wir brauchen Bewegung und Hoffnung, nicht nur für uns und die Museen, auch für die Gesellschaft insgesamt. Ich glaube, solche Kulturprojekte können wichtige Signale geben. Nach dem Trauma des Zweiten Weltkriegs gab es gigantische Ausstellungen mit tausenden Besuchern in Europa und Amerika. Das wird für uns hoffentlich ähnlich sein: Nach der Krise werden wir eine Renaissance des kulturellen Lebens sehen – und welcher Künstler könnte besser für so eine Entwicklung stehen als Donatello, einer der Väter der Renaissance?

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