Was macht eigentlich … Sara Biever, Provenienzforscherin?
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Sara Sophie Biever ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzforschung im Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin. In diesem Job erforscht sie die Biografien der Objekte – und erlebt ab und zu wahre Kunstkrimis.
Woran arbeiten Sie gerade?
Seit Ende letzten Jahres arbeite ich zusammen mit meiner Kollegin Hanna Strzoda im durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderten Pilotprojekt „Auktionen in Berlin 1933 bis 1945“. Hier erforschen wir die Erwerbungen der Staatlichen Museen zu Berlin bei Auktionshäusern zwischen 1933 und 1945. Denn die verschiedenen Museen der SMB haben damals unabhängig voneinander bei denselben Auktionshäusern gekauft. Insgesamt handelt es sich um rund 1.700 Positionen, die in der NS-Zeit auf dem Auktionsmarkt angekauft wurden.
In unserem Pilotprojekt fokussieren wir uns zunächst auf den Berliner Markt und betrachten dabei rund ein Drittel dieser Erwerbungen. Es gilt, die rund 240 Personen und Institutionen zu identifizieren, die diese Kunstwerke unter anonymer Chiffre in die Auktionen eingeliefert haben. Der Auktions- und Kunstmarkt wurde zwischen 1933 und 1945 nicht selten dazu genutzt, jüdische Kunstsammlungen und Geschäfte zu liquidieren. Andere Einliefernde mussten sich aus verfolgungsbedingter Not von ihrem Hab und Gut trennen, zum Beispiel um ihre Flucht zu finanzieren. Deshalb müssen wir prüfen, ob es sich um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut handelt.
Wie sieht Ihr Berufsalltag aus?
Derzeit ist es eine bunte Mischung aus Forschung in der Fundgrube unseres Zentralarchivs und anderen Archiven, viel Online- und Literaturrecherche zu den verschiedenen Auktionshäusern, Personen und Institutionen, sowie dem Austausch mit den einzelnen Museen und anderen Forscher*innen. Ich versuche, so viele Informationen wie möglich zu den Auktionen und Einliefernden zu sammeln und diese nachhaltig zu dokumentieren – wenn wir Einliefernde entschlüsselt haben werden wir die Ergebnisse zu ihren Biografien im „Informationssystem zu Auktions-Einlieferungen“ bei „German Sales“ veröffentlichen, damit auch Forscher*innen anderer Museen auf unsere Erkenntnisse zugreifen können.
Was mögen Sie am meisten an Ihrem Beruf?
Wenn ich Wissenslücken schließen kann oder einen wirklichen „Aha“-Moment habe. Manchmal passt alles zusammen und man hat eine gute Erkenntnis, die einen weiterbringt und zu wichtigen Entscheidungen führen kann. Dann merkt man, dass die Arbeit einen großen Wert hat und etwas bewegen kann. Gerade in meinem derzeitigen Projekt versuchen wir Synergien zu nutzen und Verbindungen zwischen den verschiedenen Kunstwerken, aber auch Auktionshäusern und Einliefernden zu finden. Da entsteht ein großes Netz aus Personen, Institutionen und Informationen in meinem Kopf – das Aufzulösen und für die Forschung zu nutzen bringt mir viel Freude.
Und was am wenigsten?
Als Pendant zu dem was ich am meisten mag: Wenn man Wissenslücken nicht schließen kann oder genau die Information, die man eigentlich braucht, nicht in der Quelle steht. Da wir uns mit Flucht- und Verfolgungsgeschichte beschäftigen, sind die Quellen oftmals zerstreut und die Überlieferung kann lückenhaft sein. Dann beginnt ein mühsames Puzzlespiel, bei dem man nicht immer alle Teile finden kann…
Was ist das kurioseste oder aufregendste Erlebnis, das Sie mit Ihrem Job verbinden?
Vor meinem derzeitigen Projekt durfte ich die Genese der Ausstellung „Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch“ unterstützen. Im Zuge der Recherche von Fotos für unsere Begleitpublikation hatte ich mit einem US-amerikanischen Künstler und Kunsthistoriker Kontakt. Eines Tages schrieb er mir, er habe sich die Sammlung Pietzsch etwas genauer angeschaut und sich gefreut, denn das eine Gemälde kenne er noch aus dem Wohnzimmer der Witwe des Sammlers. Es hing dort jahrelang vor blassgelber Tapete. Er habe sich immer gefragt, was nach einer Auktion mit dem Kunstwerk passiert wäre und sei glücklich, es jetzt bei uns im Museum zu sehen. Dank seiner Erinnerung konnten wir auch ein Datum in der Provenienz anpassen. Mit Zeitzeug*innen zu sprechen – ob nun Historiker*innen, Sammler*innen oder Museumspersonal ist für mich immer wieder ein sehr beeindruckendes und wertvolles Erlebnis.
Letzte Frage: Was würden Sie nachts allein im Museum tun?
Ich hätte auf jeden Fall eine Taschenlampe und meine Kamera dabei. Ich liebe es, Details von Kunstwerken unter die Lupe zu nehmen, die Signaturen und Datierungen zu suchen und zu fotografieren. Vielleicht würde ich versuchen, ganz vorsichtig und mit Handschuhen einige kleine Bilder von der Wand zu nehmen, um in Ruhe die Rückseiten der Werke zu inspizieren. Wenn das Depot und die Bibliothek des Museums nicht abgeschlossen wären, würde ich auch dorthin einen Abstecher machen.
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