Alter Sound neu vertont: Die magische Glocke im Pergamonmuseum

Ein Projekt des Vorderasiatischen Museums und der Universität Würzburg bringt eine mesopotamische Glocke wieder zum Klingen – und erlaubt einen neuen Blick auf Kompositionen und Verwendung von Musik in der Antike.

Text: Dahlia Shehata – Nadja Cholidis – Gert Jendritzki

Glocken, Schellen oder Rasseln sind keine moderne Erfindung. Aus Ton oder Bronze gefertigt dienten sie schon in der Antike vielfältigen Zwecken. Ein gut erhaltenes Beispiel einer antiken Glocke befindet sich heute im Pergamonmuseum. Offenbar besaß sie eine magische Funktion, wie Figuren auf dem Gefäßkörper und der Klöppel in Form einer Schlange zu erkennen geben. Bei einem kleinen Experiment im Vorderasiatischen Museum, initiiert durch die Sonderschau „MUS-IC-ON! Klang der Antike“, wurde die Glocke nun wieder zum Klingen gebracht.

Relief mit Darstellung einer Prozession von Soldaten und Musikanten, Alabaster, Ninive/ Mossul (Irak), 704–681 v. Chr., Ankauf 1855, VA 953 © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Relief mit Darstellung einer Prozession von Soldaten und Musikanten, Alabaster, Ninive/ Mossul (Irak), 704–681 v. Chr., Ankauf 1855, VA 953 © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Die Musik der alten Kulturen, ob aus dem antiken Griechenland, aus Rom, aus dem alten Ägypten oder wie hier aus dem Zweistromland ‒ Mesopotamien ‒ ist unwiederbringlich verklungen. Experimentelle Musikarchäologen versuchen, zumindest ihre Klänge zu rekonstruieren, indem sie antike Musikinstrumente nachbauen, Musikensembles nachstellen oder die in Mesopotamien und Griechenland bezeugten Frühformen einer Musiknotation entschlüsseln.

Unser heutiges Wissen zu den Musikkulturen Mesopotamiens beruht ausschließlich auf archäologischen Artefakten: Bilder in Stein oder Ton, etwa auf Rollsiegeln oder assyrischen Palastreliefs, präsentieren eine Vielfalt an Formen damaliger Musikinstrumente, aber auch ihre Spieltechniken und Spielkontexte. Wir sehen dort Harfen, Leiern und Lauten, wie sie auch heute noch in afrikanischen Kulturen gespielt werden, aber auch ungewöhnliche Instrumente wie große Rahmentrommeln und Kastenleiern (Foto VA 953). Die Bilder zeigen auch, welche Personengruppen im Laufe der verschiedenen altorientalischen Epochen beispielsweise die Lauten spielten und in welcher Weise. Tatsächlich spielten bei Kultfesten offenbar nur Männer die Laute, sehr häufig kleinwüchsige und krummbeinige ’Männlein‘, die wohl zum Gefolge der Liebesgöttin Ischtar gehörten. Erst unter griechischem Einfluss zur Zeit der Seleukiden (3.‒2. Jh. v. Chr.) werden vermehrt Frauen, wahrscheinlich Priesterinnen, beim Lautenspiel abgebildet. Aus verschiedenen Keilschrifttexten, darunter alltägliche Dokumente wie Briefe und Ausgabenlisten, aber auch mythologische und poetische Werke, erfahren wir den jeweiligen Hintergrund und Zweck des Musizierens. Die Texte berichten, ob ein Musiker am Palast beim König oder im Tempel vor den Göttern musizierte oder welche Lieder zu welchen Anlässen gesungen wurden. Schließlich erhalten wir hier auch Einblicke in die Tonsysteme. Zwar ist die Musik der Antike längst verklungen, doch lässt sich aus all diesen Quellen trotzdem ein vielfältiges und reichhaltiges Bild von den Musikkulturen Mesopotamiens zeichnen.

Magische Glocke, Bronze, Kupfer, 8./ 7. Jh. v. Chr., Ankauf 1887, VA 2517 © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Magische Glocke, Bronze, Kupfer, 8./ 7. Jh. v. Chr., Ankauf 1887, VA 2517 © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Musik kam damals eine herausragende Rolle zu. Als ein akustisches Medium, das von allen Teilen der Bevölkerung verstanden wurde, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, war sie ein integratives Mittel der Kommunikation. So begleiteten musikalische Klänge alle Stationen und Bereiche des Lebens wie Geburt, Hochzeit und Tod. Musik war ein zentraler Bestandteil des rituellen Geschehens. Bei religiösen Handlungen, beim Opfer oder bei Festen erklang sie zu Ehren der Götter. Musik war deshalb auch mehr als bloße Untermalung: Über das Medium des Klangs zwischen irdischer und himmlischer Sphäre wurden Zusammenhänge, Gefühle und Visionen vermittelt und abgespeichert. Den öffentlichen Räumen und Anlässen standen private und intime Musikdarbietungen gegenüber, z. B. bei der Krankenheilung, wo Musik zur Vertreibung, aber auch Versöhnung krankheitsbringender Dämonen zum Einsatz kam.

Magische Glocke, Bronze, Kupfer, 8./ 7. Jh. v. Chr., Ankauf 1887, VA 2517 © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Magische Glocke, Bronze, Kupfer, 8./ 7. Jh. v. Chr., Ankauf 1887, VA 2517 © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Originale Musikinstrumente sind aus dem Zweistromland nur wenige erhalten. Unter den spektakulären und kostbar dekorierten Leiern und Harfen, die 1928 von dem britischen Archäologen Leonard Woolley auf dem königlichen Friedhof von Ur ausgegraben wurden, oder den vielen Glöckchen und Pfeifen aus Ton, bleibt die neuneinhalb Zentimeter große Glocke doch einzigartig. Der fein ornamentierte Glockenkörper wurde gegossen. In die vorgegossenen Aufnahmeösen am oberen Ende der Glocke ist ein geschmiedeter vierkantiger Haltebügel montiert worden. Der vorgegossene Klöppel der Glocke wurde ebenfalls überschmiedet. Seine Aufhängung erfolgt durch einen im Inneren des Glockenkörpers quer verlaufenden Draht. Vor allem aber zeigt uns ein Relieffries auf der Außenseite der Glocke genau, wofür sie benutzt wurde: Wir sehen einen Gott, löwenköpfige Dämonen mit Dolchen in ihrer erhobenen Rechten und einen Fischmenschen. Ihre Namen kennen wir aus den entsprechenden Ritualen: Es sind der Gott Lulal mit seinen Begleitern, der reinigende und vorsintflutliche Weise, der Fischmensch apkallu, und der gleich einem Sturm dröhnende Löwenmensch ugallu. Sie sind es, die in Heilungszeremonien gegen üble Krankheitsdämonen zu Hilfe gerufen wurden, was den Schluss nahelegt, dass unsere Glocke bei Heilungszeremonien zum Einsatz kam.

Magische Glocke, Bronze, Kupfer, 8./ 7. Jh. v. Chr., Ankauf 1887, VA 2517 © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Magische Glocke, Bronze, Kupfer, 8./ 7. Jh. v. Chr., Ankauf 1887, VA 2517 © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Die Glocke mit der Inventarnummer VA 2517 wurde 1887 von dem Ägyptologen Adolf Erman für die Königlichen Museen zu Berlin erworben. Der noch junge Direktor der Ägyptischen Abteilung musste die Sammlung vorderasiatischer Altertümer bis 1899, dem Gründungsjahr des Vorderasiatischen Museums, mitbetreuen, was ihm trotz fehlender Fachkenntnisse auf beeindruckende Weise gelang. Das Inventar nennt als Verkäufer Rollin & Feuardent mit Sitz in Paris. Claude Camille Rollin und Félix Feuardent boten zwar hauptsächlich Münzen an, aber auch Antiken wie diese Glocke, die vielleicht aufgrund ihrer Prägung das Interesse der Kunsthändler geweckt hatte. Motive und Ausführung sprechen für eine Datierung des seltenen Stückes in das 8./7. Jahrhundert v. Chr. Auf welchen Wegen oder Zwischenstationen das kleine Meisterwerk, das sicher in Assyrien (Nordirak) gefertigt wurde, nach Paris gelangte, ist nicht vermerkt.

Während der Klang der originalen Glocke mithilfe von Gert Jendritzki und Lutz Martin vom Vorderasiatischen Museum rekonstruiert und für den Audioguide der Würzburger Ausstellung zur Verfügung gestellt werden konnte, verwendeten ihn Studierende von Oliver Wiener, einem Musikwissenschaftler der Universität Würzburg, für eine neue, eigenständige Komposition. Der experimentelle Sound entstand für „MUS-IC-ON! Klang der Antike“ im Mai 2020 am Institut für Musikforschung der Universität Würzburg. Beteiligt am dort gestarteten Projekt ATHYRMA, elektroakustisches Environment, waren die Studierenden Corinna Bongartz, Hendrik Engstler, Jonas Maier, Julian-Rocco Lepore, Justus Reim, Miriam Fodil, Oliver Wiener, Sandra Jodlowski.

Ein Youtube-Video gibt URUDU-NIGKALAGA, einen alten Sound mit neuem Klangerlebnis, wieder.

Die Würzburger Ausstellung „MUS-IC-ON! Klang der Antike“ ist noch bis zum 4. Oktober 2020 im Martin von Wagner Museum zu sehen. Aktuell ist die Glocke in der Sonderschau „Zwischen Kosmos und Pathos. Berliner Werke aus Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne“ in der Gemäldegalerie am Kulturforum ausgestellt.

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