Atmoism – Über Regionalität und Nachhaltigkeit im Design

Wie können wir nachhaltige und regionale Produktion in der Zukunft gestalten? Diese Frage rückt der Designer Hermann August Weizenegger (HAW) ins Zentrum seiner Überlegungen für die Ausstellung “Atmoism – Gestaltete Atmosphären” im Kunstgewerbemuseum: Ein Einblick in zukunftsfähige Herstellungsprozesse, die besonders in der konsumreichen Weihnachtszeit relevant sind.

Text: Tobias Renner

Inspiriert von der soft-brutalistischen Raumatmosphäre des Kunstgewerbemuseums entwickelte der Designer Hermann August Weizenegger alias HAW 24 bühnenartige Interventionen. Sie entfalten sich im gesamten Museum und eröffnen einen ästhetischen Dialog mit diesem. Weizeneggers Designwerke verhandeln zukünftige Produkt(ions)szenarien mit dem Ziel einer Verbesserung der Waren- und Konsumwelt. Besonders die richtige Auswahl der Materialien, der beteiligten Hersteller*innen und das Nachleben eines Produkts sind dabei entscheidend. Gebrauchsgegenstände sollten HAW zufolge durabel und moderesistent konzipiert werden und auch nach Jahren des Gebrauchs technisch wie ästhetisch funktionieren. Damit steht das Thema Nachhaltigkeit im Zentrum von HAWs Designpraxis.

ATMOISM, Ausstellungsansicht © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / David von Becker
ATMOISM, Ausstellungsansicht © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / David von Becker

Die Suche nach einem umweltfreundlichen Material prägte unter anderem seinen „X-Chair“. Der Stuhl besteht zu 100% aus dem recyceltem Kunststoff Polypropylen, der zudem eine sehr geringe Dichte besitzt. Dadurch ist der „X-Chair“ handlicher und weniger massiv, als es auf den ersten Blick scheint. Für die Produktion kooperierte HAW mit dem mittelständischen Familienunternehmen Rotasin, das im brandenburgischen Märkisch Linden sitzt und sich auf die Herstellung von Kunststoffteilen spezialisiert hat. Nebenbei achtet das Unternehmen besonders auf Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit im Umgang mit Kunststoffen. Gemeinsam mit Rotasin will HAW den komplexen Herstellungsprozess des Stuhls künftig weiterentwickeln und den Einsatz von Biokunststoffen erproben. Der „X-Chair“ wird von der jungen Möbelmarke „OUT Objekte unserer Tage“ vertrieben, die nur vollständig und nachhaltig in Deutschland produzierte Objekte in ihr Sortiment aufnimmt. Einer Kreislauflogik folgend können Endverbraucher*innen den Stuhl bei OUT zurückgeben. Daraufhin wird dieser zu Granulat geschreddert und gelangt zurück in den Produktionskreislauf.

In vielen seiner Arbeiten greift HAW auf traditionelles Material zurück und kombiniert dieses mit moderner Technik. Das Objekt „Church“ verdeutlicht, wie eine solche Symbiose von modernem Maschinenbau und traditionellem Glasbläserhandwerk aussehen kann. So entstand der Model – die Hohlform, in der später das Glasgefäß geblasen wird – in Kooperation mit der Berlin Industrial Group (B.I.G) als Metall-3D-Druck. Mit dem Model im Gepäck fuhr HAW tief in den Süden bis in den Bayerischen Wald zur Glasmanufaktur Von Poschinger, wo der moderne Model auf traditionelles Handwerk traf. Die Glashütte wurde erstmals 1568 erwähnt und gilt als älteste in ganz Deutschland. Mittlerweile stellt die Manufaktur vor allem Sonder- und Spezialanfertigungen her, wozu auch HAWs Glascontainer „Church“ zählt. Dieser wurde in Handarbeit vor Ort in verschiedenen Glasfarben mundgeblasen und geschliffen.

Arbeit in der Glasbläserei Von Poschinger © Atelier HAW
Arbeit in der Glasbläserei Von Poschinger © Atelier HAW
Hermann August Weizenegger, Container Church, Foto: Bernd Hiepe
Hermann August Weizenegger, Container Church, Foto: Bernd Hiepe

Nachhaltig in die Weihnachtszeit

Eine Hommage an das Glasbläserhandwerk ist auch der Kronleuchter „Sphere“, der passend zur bevorstehenden Adventszeit von einer altbekannten weihnachtlichen Tradition inspiriert ist: Weihnachtsbaumkugeln. Von der Eleganz, Fragilität und Vielfalt von Weihnachtsbaumkugeln fasziniert, suchte HAW für die Umsetzung des Kronleuchters den Thüringer Familienbetrieb Greiner-Mai auf. Das Traditionsunternehmen arbeitet unter der Verwendung 150 Jahre alter Techniken und ist auf den Christbaumschmuck spezialisiert. Ein an Christbaumkugeln angelehnter Kronleuchter war allerdings auch für die Glasbläserfamilie ein Novum und eine Herausforderung.

Hermann August Weizenegger, Kronleuchter Sphere, Foto: Bernd Hiepe
Hermann August Weizenegger, Kronleuchter Sphere, Foto: Bernd Hiepe

Neben der Arbeit mit traditionellem und recycelbarem Material konzentrierte sich HAW für die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum auf die Zusammenarbeit mit regionalen Betrieben. Insbesondere aus dem Raum Berlin-Brandenburg konnte er zahlreiche Akteur*innen gewinnen. Das japanisch anmutende Geschirr „Pure“ beispielsweise wurde vom Keramiker Jean von Rügen in seiner Berliner Werkstatt handgedreht. Später soll das Design bei Keramik Rheinsberg, einem Brandenburger Unternehmen, in Serie gehen. Beide Kooperationen zeugen von HAWs Fokus auf dem Erhalt regionaler Produktionen. Die Synergie verschiedener regionaler Akteur*innen manifestiert sich auch in der Vase „Reflection“. Diese beruht auf einem Gemälde des in Berlin lebenden und arbeitenden Malers Sven Drühl. Für die Herstellung wurde das Gemälde mittels eines 3D-Scanners digitalisiert und als Relief auf die Oberfläche der Vase übertragen. Auch die finalen Gussarbeiten fanden in der Region statt: Die Kunstgießerei Lauchhammer in Brandenburg, die auf eine Tradition von rund 300 Jahren zurückblicken kann, übernahm den anspruchsvollen Vasenguss.

Besonders in der Vorweihnachtszeit, die mitunter von grenzenlosem Konsum geprägt ist, regen HAWs Ansätze zum Nachdenken an. Neben der ästhetischen Dimension zeigt die Ausstellung nämlich vor allem eines: Die Potenziale und Vielfalt regionalen Handwerks. Um dieses zu unterstützen, können auch wir als Verbraucher*innen durch den Kauf regionaler und nachhaltiger Produkte einen großen Beitrag leisten. Umweltfreundliche Produkte wie der „X-Chair“ als Weihnachtsgeschenk bieten außerdem noch einen weiteren Vorteil: Gefällt der Stuhl nicht, kann er einfach geschreddert werden und kehrt zurück in den Produktkreislauf.

ATMOISM, Ausstellungsansicht © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / David von Becker
ATMOISM, Ausstellungsansicht © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / David von Becker

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