Historischer Hightech – die mittelalterliche App(le Watch)

Wer sich heute orientieren, nach Sternbildern suchen oder die Gebetsrichtung finden möchte, schaut auf’s Smartphone oder Handgelenk. So wie Apps und Apple Watch heute ist auch das Astrolab eines der fortschrittlichsten High-Tech Produkte seiner Zeit.

Text: Laura Beusmann

Das glänzende, filigran gravierte Messinginstrument überzeugt nicht nur durch sein Design, sondern ebenso mit Multi-Funktionalität: Wer ein Astrolab benutzt, kann die Stellung der Himmelskörper direkt vom Gerät ablesen. Visuelle Linien und Skalen ersetzen komplizierte Berechnungen. Ein analoger Computer und Traum für alle, die mathematischen Formeln lieber aus dem Weg gehen.

Astrolabien gelten als griechische Erfindung, doch erst die Araber*innen und Perser*innen brachten sie zur Vollkommenheit. Entstanden sind sie durch den Austausch innovativer Menschen in multi-ethnischen Think Tanks – in den Silicon Valleys des heutigen Spanien, Irak und Iran. Während heute kommerzielle Denkfabriken die Innovation neuer Produkte anregen, sind es damals die höfischen Eliten.

Astrolabium (Messgerät), Iran, 11.-12. Jahrhundert © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Johannes Kramer
Astrolabium (Messgerät), Iran, 11.-12. Jahrhundert © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Johannes Kramer

Im muslimisch-arabisch regierten Bagdad des frühen Mittelalters vereinen und verbessern Wissenschaftler*innen griechische, syrische, persische und indische Daten und Modelle. Bagdad liegt an der Handelsroute zwischen Indien und Europa. Durch die neue Verkehrssprache Arabisch und die Expansion des muslimischen Reiches gelangen Wissen und Innovationen von Indien über den heutigen Iran und Irak bis nach Spanien. Doch dabei bleibt es nicht: Im muslimisch regierten Andalusien leben im Mittelalter jüdische, christliche und muslimische Menschen; ihr Wissen und ihre Sprachen ergänzen sich. So entsteht wahrscheinlich im Spanien des 14. Jahrhunderts ein Astrolab mit spanischen und arabischen Wörtern sowie hebräischer Beschriftung. Der kreative Austausch bringt einzigartige Produkte auf dem technischen Höhepunkt ihrer Zeit hervor.

Astrolabium (Messgerät), Iran, 1650 - 1699 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Johannes Kramer
Astrolabium (Messgerät), Iran, 1650 – 1699 © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Johannes Kramer

Womöglich entsteht das Astrolab der Zukunft wieder an einem Ort, den Menschen mit diversen Erfahrungen und Expertisen prägen. Und vielleicht inspiriert das hier abgebildete Astrolab, diejenigen, die es sehen, zu ungeahnter Kreativität?

Diese Geschichte ist Teil des digitalen Adventskalenders des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum. Jeden Tag vom 1. bis zum 24. Dezember wird auf der Facebook-Seite des Pergamonmuseums unter dem Motto „Kultur on Tour“ eine Geschichte aus dem Museum für Islamische Kunst veröffentlicht.

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