Lust und Last körperlicher Aktivität: Die neue Volontärsausstellung

Arbeit, Jagd, Luxus,: Diese und mehr Themen behandelt die Ausstellung „STATUS.MACHT.BEWEGUNG. Lust und Last körperlicher Aktivitäten“ derzeit. Das Gemeinschaftsprojekt der Volontär*innen der Staatlichen Museen zu Berlin vereint dafür 130 Objekte, die normalerweise nicht gemeinsam zu sehen sind.

Text: Christopher Hölzel

Alle zwei Jahre organisieren die Volontär*innen der Staatlichen Museen zu Berlin und des Musikinstrumentenmuseums eine eigene Ausstellung. Nach „Bart“ (2015–2016) und „Fleisch“ (2018–2019) folgt nun die Schau „STATUS.MACHT.BEWEGUNG. Lust und Last körperlicher Aktivität“. Wie schon bei den zwei vorausgegangen Ausstellungen ermöglicht das Thema eine sammlungsübergreifende und interdisziplinäre Präsentation von Objekten. Eine große Gruppe von Nachwuchswissenschaftler*innen mit unterschiedlichsten wissenschaftlichen Hintergründen erarbeitete sich die Thematik gemeinsam und setzte diese in Teamarbeit um, obwohl der coronabedingte Lockdown die Planungen erschwerte.

Der gesellschaftliche Status wird durch Faktoren wie Alter, Geschlecht und Wohlstand, aber auch durch individuelle Fähigkeiten bestimmt. Die Macht von sozial höher gestellten Personen wird unter anderem durch Formen der Bewegung signalisiert. Exemplarisch für diese Phänomene thematisieren wir daher die Jagd der Oberschicht, stilvolles Unterwegssein und repräsentatives Nichtstun sowie Körper(ver)formungen. Diese Statusmarker treten in allen arbeitsteiligen, hierarchisch organisierten Gesellschaften auf. Wer es sich leisten kann oder aufgrund der sozialen Position Macht ausübt, betont bestimmte Bewegungen, lässt sie von anderen ausführen oder verzichtet komplett darauf. Das Thema „Arbeit als Grundlage“ leitet in die Ausstellung ein und zeigt, dass die Statussymbole der einen immer auf der Arbeit der anderen beruhen.

Erstes Bild aus der siebenteiligen Serie „Die Pflüger“ von Käthe Kollwitz, 1908. © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz
Erstes Bild aus der siebenteiligen Serie „Die Pflüger“ von Käthe Kollwitz, 1908. © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz

Alltägliche Mühen, herrschaftlicher Zeitvertreib

Käthe Kollwitz zeigt in ihrer Druckgrafik Bild „Die Pflüger“ auf überspitzte Art und Weise die alltäglichen Mühen der Landwirte im beginnenden 20. Jahrhundert. Für den allgemeinen Wohlstand mussten und müssen Mensch und Tier – sofern es nicht Maschinen übernehmen – hart arbeiten. Neben Objekten, mit denen gearbeitet wurde, sind in der Ausstellung u.a. Fotografien von arbeitenden Menschen zu sehen.

Eine Tätigkeit, die ihren Ursprung in der Nahrungsbeschaffung hat, haben sich Angehörige der Oberschicht über nahezu alle Zeiten und geographischen Räume quasi reserviert und Abbildungen davon mit einem hohen Status konnotiert: Die herrschaftliche Jagd. Die reale Jagd, wie die Löwenjagd des assyrischen Königs Assurnasirpals II. eindrucksvoll zeigt, ist ebenso Thema wie die heroische und mythologische Jagd. Die direkte Gegenüberstellung einer Vase aus der griechischen Antike mit einer großformatigen Porzellanfigur aus dem frühen 20. Jahrhundert, beide zeigen Herakles‘ Jagd auf den erymanthischen Eber, macht den zeitlosen Charakter dieser Thematik deutlich.

Assurnasirpal II. bei der Löwenjagd, 9. Jahrhundert v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Assurnasirpal II. bei der Löwenjagd, 9. Jahrhundert v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Blick in die Ausstellung. © Staatliche Museen zu Berlin, Institut für Museumsforschung / Robert Hoffmann
Blick in die Ausstellung. © Staatliche Museen zu Berlin, Institut für Museumsforschung / Robert Hoffmann

Bewegung im Sinne von Fortbewegung wird in dem darauffolgenden Kapitel thematisiert. Der ‚Klassiker‘ der unmotorisierten und gleichzeitig stilvollen Mobilität ist die Sänfte. Die Insassen waren vor dem Schmutz der Straße geschützt, während die Träger buchstäblich die Last schultern mussten. Die Idee, sich tragen zu lassen, hatte zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Gegenden ähnliche Ausprägungen: Eine prunkvolle italienische Sänfte aus dem 18. Jahrhundert folgt demselben Prinzip wie z.B. japanische Tragesänften.

Sänfte in Coupéform mit Groteskenmalerei, Wappen und Spiegelmonogramm, Italien, 1720. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Michael Lüder
Sänfte in Coupéform mit Groteskenmalerei, Wappen und Spiegelmonogramm, Italien, 1720. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Michael Lüder

Schönheitsideale durch Raum und Zeit

Was gibt es schöneres als das süße Nichtstun, zum Beispiel beim gemeinsamen Musizieren oder beim Spaziergang durch den Park. Diese Art der Entspannung war jedoch nur für Privilegierte möglich. Erst mit der Entwicklung einer ausgeprägten Freizeitkultur ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Luxus der Freizeit der breiten Masse zugänglich. Ein anderes Beispiel des Müßiggangs ist das Spielen. Das Bedürfnis nach Zerstreuung und Spaß nahm verschiedene Züge an, blieb im Grundsatz aber doch gleich. In der „Spielevitrine“ werden Objekte aus über 2500 Jahren gemeinsam präsentiert: Ein Brettspiel aus dem antiken Babylon neben einem Belagerungsspiel aus dem 19. Jahrhundert und Game-Boy-Spielen vom Ende des 20. Jahrhunderts.

Blick in die Ausstellung. © Staatliche Museen zu Berlin, Institut für Museumsforschung / Robert Hoffmann
Blick in die Ausstellung. © Staatliche Museen zu Berlin, Institut für Museumsforschung / Robert Hoffmann

Der Abschluss der Ausstellung dreht sich ganz um Körper(ver)formungen, die aus Bewegung im Sinne von körperlichem Training sowie durch das gezielte Verunmöglichen von Bewegungen resultieren. In diesem Kapitel thematisieren wir unterschiedliche gesellschaftliche Schönheitsideale und ihre Auswirkungen auf den Körper. Entsprechen die männlichen Statuen der griechisch-römischen Antike mit ihren „Sixpacks“ den heutigen, europäischen Schönheitsidealen, zeigen Abbildung der wohlbeleibten aber dennoch durchtrainierten japanischen Sumo-Ringer ganze andere Ideale.

Die Ausstellung „STATUS.MACHT.BEWEGUNG. Lust und Last körperlicher Aktivität“ läuft bis 10. Januar 2021 in den Sonderausstellungshallen am Kulturforum. Jeden Donnerstag zwischen 16 und 18 Uhr sind Kurator*innen für Eins-zu-Eins Gespräche in der Ausstellung anzutreffen. (Zeitfensterticket erforderlich).
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation im Sandstein-Verlag, hrsg. für die Staatlichen Museen zu Berlin von Frederik Grosser, Teresa Laudert, Silvia Massa und Philipp Zobel, mit einem vollständigen Objektverzeichnis und 16 Essays von Nachwuchswissenschaftler*innen, 104 Seiten, ca. 50 Abbildungen, ISBN 978-3-95498-565-4, Preis: 15 €.

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